Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte. Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Händen. Ich bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir kräftigere Worte und stärkere Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung eines Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies, um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« rief ich aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann verhindert, Frauen in die Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und werdende Mütter in die Giftluft der Fabrik!« Frenetischer Beifall von den Galerien herunter ließ mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der Polizeileutnant stenographierte, — entgeistert sah Frau Vanselow mich an: »Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. Ich lächelte.

»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu tun für euer Geschlecht? — Denkt an die jüngste Vergangenheit, wo der Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete, aber dessen ungeachtet für einen ›tüchtigen und pflichttreuen Beamten‹ erklärt wurde, — und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine Bürgerpflicht!... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hörte das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich vergaß mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von »den Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.«

Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der die dürren Blätter jauchzend niederschüttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu schaffen ...

Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, — nur daß die Arme der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berührte. Im Verein Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich überschüttet. Die Zeitungen berichteten halb höhnisch, halb wegwerfend über die »verkappte Genossin«, konservative Blätter unterließen nicht, den »unerhörten Seitensprung der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« an die große Glocke zu hängen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen aus seiner Vorlesung zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene, als wäre ich noch zu Haus.

»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag — im Klub kann ich mich nicht mehr sehen lassen ...« schrie er. Georg hatte sich, auf beide Hände gestützt, hoch aufgerichtet.

»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß Sie sich bei mir befinden!« Einen Moment lang maßen sich die beiden Männer mit einem Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das Zimmer, und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.

Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin viel zu erregt, um Dich sehen zu können. Wie könnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen verantworten, dem eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...«

So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blässe mich jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persönlich doch wie eine Erleichterung, daß meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen Gesellschaft mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir fuhren zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden Diskussionen. Mit einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu verbreiten, entspräche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie unethisch meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in meiner letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.

»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie alle Negation beiseite ließen —« sagte sie.

»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch hinzu. »Wer keine Kritik verträgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten wiedergibt, — der soll sich nur gleich begraben lassen!«