»Richtig! — Wir haben ja schon einmal eine nächtliche Promenade gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden und haben —« sie stockte ein wenig — »geheiratet!«
»Und Sie?« Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur, um irgend etwas zu sagen.
»Ich? — Gott — Sie sehen: ich lebe! Was sollte unsereins auch sonst noch tun!« Ein düsterer Schatten verdunkelte einen Augenblick lang ihre Augen, dann lächelte sie wieder: »Wissen Sie was? Kommen Sie heute mit mir, — ich bin ein besserer Cicerone der Bohème als Ihre Gastgeber eben! Überdies —« sie musterte mich unter der nächsten Laterne von oben bis unten — »werde ich mit Ihnen Furore machen.«
Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der Friedrichstadt, erzählte sie mir mit der ihr eigenen sprühenden Lebhaftigkeit von all den freien Geistern, die ich finden würde. »Der große...«, »der geniale...«, »der einzige...«, — mit diesen Adjektiven begleitete sie Namen, die mir kaum bekannt waren.
Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches uns entgegen; ein paar Lampen, ein paar Lichtpünktchen brennender Zigaretten leuchteten hindurch. Ein Chor schwatzender Stimmen machte jedes Wort unverständlich. Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen, verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich und umringten uns. Sie rochen nach Kognak, — unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück. Man hörte meinen Namen. »Bist wohl verrückt geworden, Juliane!« brummte eine Männerstimme, und ein Arm legte sich um ihre Taille. Ich setzte mich abseits in eine Ecke. Nach einer Weile schien ich vergessen und fühlte mich wie eine Zuschauerin vor der Bühne. Es war zweifellos ein interessantes Spektakelstück, das ich sah, und Menschen eigener Art, die darin spielten.
Zu Füßen eines großen, tiefbrünetten Mannes, um den sich allmählich die leeren Flaschen häuften, saß eine blasse Frau mit blonder Haarkrone auf dem vornehmen Köpfchen. Das mußte die dänische Gräfin sein, die der »satanische« Dichter, wie die Déry ihn nannte, entführt hatte. Wenn er redete, sah sie andächtig zu ihm auf, und die Nächststehenden schwiegen.
»Ja — was ich sagen wollte — —« er sprach mit einem scharfen slawischen Akzent — »was — was war es doch?« Er goß sich roten Wein in das Glas, — ein paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen Füßen auf die weiße Stirn, — er vergaß zu trinken und starrte sie an: »wie schön das ist: die Dornen deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, — wie ein Rubin leuchtet dein königliches Blut ...«
»Zum Donnerwetter, was schweigt ihr,« brüllte er im nächsten Augenblick und stürzte den Wein hinunter, »was geht das Euch Kanaillen an?!« Die anderen lachten.
»Du hast uns deinen Helden schildern wollen!« sagte jemand.
»Meinen Helden!« begann er wieder, »das wird ein Kerl sein! Kein waschlappiger Schmachtfetzen, der die Weiber anhimmelt, sondern einer, der zupackt, wie ich!« — seine Riesenfaust umklammerte den Arm der blonden Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, — »keiner, der den Lahmen Krücken schenkt und den Blinden Brillen, sondern einer, der beiseite stößt, was ihm im Wege steht. Oder meint ihr, das Gesindel um uns sei was besseres wert?! Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die Starken, die Hartherzigen, dann wird das Gewürm, das Junge wirft wie die Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen helfen, winselt ihr mit dem verwässerten Christenblut in den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen den Gnadenstoß geben, damit die Starken Platz haben!«