An einem grauen, naßkalten Dezembertag war es. Das Reichshaus sollte eingeweiht werden. Am Brandenburger Tor stand ich, Eindrücke zu sammeln für das, was ich schreiben wollte. Man lachte — schwatzte — höhnte rings um mich her: vom »Gipfel der Geschmacklosigkeit« sprach der Eine, — so hatte S. M. jüngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet —, von der leeren Tafel über den Toren erzählte der andere, die auf die Inschrift »Dem deutschen Volke« vermutlich vergebens warten würde; — »den Junkern und Pfaffen, — wirds statt dessen heißen,« fügte bissig ein Dritter hinzu. »Wenn man die Umsturzvorlage det janze Dings nich umstürzen wird,« zischelte es dicht neben mir. Der stramme Polizeileutnant, der hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vorüber: Zivilisten mit glänzenden Zylindern auf dem Kopf und bunten Bändchen im Knopfloch, auf den Zügen den Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen Soutane mit runden glänzenden Gesichtern; Reserveoffiziere, denen der enge Kragen das Blut blaurot in die Stirne trieb, und deren bunter Rock sich in Falten über Brust und Leib spannte. »Drum müssen sie doch alle stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, — die M. d. R.s —« zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.
Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin und her, — ihre Pferde drängten die angstvoll aufkreischenden Zuschauer zur Seite.
Vom Schloß die Linden hinunter trabte eine Schwadron Garde du Korps in glänzender Uniform mit wehenden Fähnlein. Da plötzlich ein klirrender Stoß — ein Schrei, — und zwei Reiter wälzten sich unter ihren Pferden.
Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser! Schweigend — erwartungsvoll — kaum, daß ein paar Hüte von den Köpfen flogen — harrte die Menge, — schwankend, mit totblassem Gesicht richtete der eine der gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, — dicht vor ihm schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das Pflaster.
Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang auf — ein einziger kalter Blick streifte den Garde du Korps — die feindselig-stumme Menge hinter ihm, — und vorüber raste der Wagen.
Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen auseinander. Das war, so schien mir, der rechte Auftakt für das kommende Schauspiel: den Kampf um die Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.
Unter kriegerischem Gepränge war es heute geweiht worden, — Kriegszeiten standen bevor.
Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten war mein Plan gefaßt, und noch ehe Georg aus der Universität zurückkam, lag meine »Erklärung« schon auf dem Schreibtisch. »Im Namen des weiblichen Geschlechts protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,« begann sie, und weiter hieß es darin: »›Beschimpfende Äußerungen gegen Ehe und Familie‹ gefährden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und nicht durch ›Kundgebungen‹ werden ›weite Bevölkerungkreise‹ zu dem Glauben verführt, daß die Grundlagen unseres Lebens auf ›Unwahrheit und Ungerechtigkeit‹ beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die Hälfte des Menschengeschlechts, die Mütter der Staatsbürger, mit Unmündigen, Wahnsinnigen und Verbrechern auf eine Stufe stellt und durch wirtschaftliche Zustände, die Millionen von Frauen in den Kampf ums Dasein treiben, das Familienleben zerstören, die Ehe erschüttern ...«
Ich versandte noch an demselben Abend meine Erklärung mit der Bitte um Unterschriften an die Presse. Kaum war sie veröffentlicht, als Onkel Walter mich mit seinem Besuch überraschte. »Ich komme, dich zu warnen,« sagte er, »man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeipräsidium deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei, und heute im Reichstag hat der Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, daß, wenn die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr ähnliches Gesetz in Kraft treten sollte, du zu den Ersten gehören wirst, die davon getroffen werden; — vorausgesetzt natürlich —,« er sprach langsam und betonte jede Silbe — »daß du nicht klug genug bist, vorher andere Wege einzuschlagen.«
»Ich danke dir für deine Freundschaft, lieber Onkel, — aber daß ich deinem Rat folgen werde, wirst du von mir kaum erwarten.«