Auf den Stock gestützt, schritt ich langsam bergauf. Wie doch die Bäume gewachsen waren auf der Schonung! Früher reiften hier in der Sonne die süßesten roten Beeren. Und weiter droben war ein neuer Schlag, — kleinwinzige Tannenpflänzchen guckten schon neugierig zwischen Grasbüscheln und alten Wurzeln hervor.
Über die Steinhalde lief ich sonst, — heute wurde mir das Atmen recht schwer!
Nun gings durch den Wald über Sturzbäche, höher und höher, bis der Weg nur als schmales Band an der schroffen Felsenwand des Waxensteins entlang führt. Tief unten braust und schäumt der Höllentalbach.
O, ich kenne noch keinen Schwindel, — findet meine Sohle nur einen Fuß breit Erde, so stehe ich sicher!
Wie frei weht die Luft hier oben, — wie leicht läßt es sich atmen! Über himmelhohem Abgrund schwingt sich die eiserne Brücke von Berg zu Berg, und jenseits führen Leitern wieder empor. Auf weichem Moos unter einer Tanne, die ihre Wurzeln keck um einen Felsvorsprung klammert, halte ich Rast. Im Halbkreis schieben sich hier die Berge aneinander, ein Zirkus, von Riesen gebaut, bestimmt für die Spiele unsterblicher Götter.
Da hör' ich Schritte, — Nagelschuhe auf Felsstufen, — ein Wilddieb vielleicht, oder ein Bergführer, der über die Knappenhäuser zur Hochalm will. Ich stehe auf — die Hand fest um den Stock —, hier gibt es kein Ausweichen. Und schon sehe ich ihn vor mir, den einsamen Wanderer, die Spielhahnfeder am grünen Hut, ein gebräuntes Antlitz darunter, mit Augen — —! Ein Zittern durchläuft meinen Körper —
»Warum erschrickst du vor mir, Alix, — ich bin ja nur ein Gespenst unserer Jugend —«
Ich raffe mich zusammen und seh ihm gerad' ins Gesicht. Wie hart sind die weichen Züge geworden, denke ich. Das Blut strömt mir wieder zum Herzen.
»Laß mich vorüber, — ich glaube nicht an Gespenster,« sag' ich, den Ton meiner Stimme zur Kälte zwingend.
»Du gingst denselben Weg, wie ich: hinauf!« gibt er leise zurück und rührt sich nicht von der Stelle.