Im dunklen Buchengang
Zur schönen Frühlingszeit
Hast du mich heiß geküßt
Voll Liebesseligkeit.
Im dunklen Buchengang
Fielen die Blätter ab,
Als ich zum Abschied dir
Weinend die Hände gab.
Im dunklen Buchengang
Liegt unter Eis und Schnee,
Begraben all mein Glück —
Wach blieb mein Weh.
Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen,
Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,
Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,
Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!
Ich möchte entfliehen und dich vergessen,
Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,
Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.
In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches: Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.
Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe, die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz besonders empfohlen worden war. Anna — so hieß unsre neue Hausgenossin — fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin, und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches, kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte. Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das, was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet, hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, — das erzählte sie voll Stolz —, war niemals den Verführungskünsten der Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe und Alkohol berauschten. Freilich — nachher mußten sie ihre Dummheit büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. — Das Kind! — Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund feuerrot entgegensprang. — Das Kind! — An den Storch glaubte ich längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer Heiligenschein.
Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven blauen Frageaugen mich aufklärte! — — Sie war so vertieft in alle Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« — so mochte sie denken — »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens, dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.
Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer bezahlen ließen. »Bezahlen?!« — ich kämpfte schon wieder mit den Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! —« und sie verfiel wieder in Detailschilderungen. »Pfui! — Pfui!« schrie ich auf und preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle fiel.
Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg. Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht. Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das — das war Liebe — Liebe, von der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! — Ich wollte nicht mehr daran denken, — ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind — so?« Welch eine Erlösung wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein« doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, — sie waren selten genug —, triumphierte mein Idealismus, und die alte Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.