»Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinüber,« damit wandte sich mein Onkel an den Kapitän. Unter dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht verständigen zu können, lehnte er es ab. »Begleiten wir ihn!« sagte ich, entzückt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise zu Rapp, der mir eben klangvolle Strophen litauischer Dainos zitiert hatte. Rasch entschlossen verständigte er sich mit dem Kapitän, und ebenso rasch folgte ich den Männern in den Kahn, begleitet von dem erstaunt-unwilligen Gemurmel der Zurückbleibenden. Am Ufer angelangt, traten wir in eines der ersten Häuser und stießen die Türe auf, als uns auf unser Klopfen niemand antwortete.

Der Raum war fast dunkel, und beißender Rauch hinderte uns überdies, die Augen zu öffnen; ein paar Hühner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen tönte uns aus dem äußersten Winkel entgegen, auf dem Herd, dessen Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf beiseite gerückt, dann näherten sich uns schlurfende Schritte. Ein Weib, dem weiße lange Haare wirr und tief über die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte die Arme über das grobe Hemd, das mit einem dicken gelben Wollrock ihre einzige Bekleidung bildete, und küßte mit einer Gebärde demütiger Unterwürfigkeit den Saum meines Kleides. Rapp erklärte ihr rasch die Situation. War sie es, oder war es der Klang der eigenen Sprache, der ihr ein Lächeln in das Antlitz trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern und wies auf die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine Pferdedecke gehüllt, schnarchend lag.

»Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und wenn er nicht stiehlt, dann schläft er,« sagt das Sprichwort. Rapp wurde ungeduldig und sprach lauter. Inzwischen hatten sich die Kinder aus der Türe hereingeschlichen und umringten die Mutter; in all den vielen Augen — graublau wie das Haff — spielten feindselige Lichter; und je heftiger Rapp wurde, desto straffer richtete sich das Weib aus ihrer gebeugten Stellung auf, bis ihre Stirn den niedrigen Balken der Hütte fast streifte. »Wie eine verwunschene Schicksalsgöttin,« dachte ich und wich scheu vor ihr zurück. Rapp aber war an ihr vorbei an den Herd getreten und hatte den Kessel aus Licht gerückt. »Rehbraten!« rief er. »Dacht' ichs mir doch! Also ein Wilddieb.« Schon lag die Frau ihm jammernd zu Füßen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem Lärm vom Lager gesprungen. Es bedurfte nur noch einer kurzen Unterhandlung, um sie gefügig zu machen. Kaum zum Dampfer zurückgekehrt, entwickelte sich ein merkwürdiges Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Kähne umringten ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, mit dem Ruder kräftig stoßend, ein Weib. Eine sah aus wie die andere: groß, schlank, helläugig, mit buntem Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei aufwies, ein grelles Tuch um die weißblonden Haare geschlungen. Sie wußten so genau Bescheid in ihren heimatlichen Gewässern wie der beste Lotse, und bald waren wir wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser den voranrudernden Frauen nach. Allmählich wurde ihre Zahl immer kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgöttin blieb übrig, um uns den Weg zu der Mittagsstation, wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu zeigen. Schließlich verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte, nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hörten wir noch das Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende von den Gefährtinnen empfangen wurde. Aber zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht — für die entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gerächt! Unser Schiff enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den Durst als an den Hunger der Passagiere gedacht; und da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige Gesprächsstoffe wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und Viehzucht schließlich erschöpft waren, so blieb den biederen Vereinsgenossen nichts übrig, als zu trinken und Skat zu spielen. Um dem Sehbereich ihrer teuren Ehehälften zu entgehen, zogen sie sich, soweit es der Raum erlaubte, in die Kajüten zurück. Zigarrendampf, knallende Pfropfen, ein immer brüllenderes Gelächter, hier und da aus der Tiefe auftauchende blaurote Köpfe kündigten an, wie es dort unten aussah. Die Frauen, bei denen die drei berühmten Gesprächsthemen — Klatsch, Küche und Kleider — zwar etwas länger vorhielten, waren bald übel daran. Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine Häkelarbeit aus der Tasche, die jungen Mädchen, zu denen ein paar unternehmende Jünglinge sich gesellt hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den Grad ihres Amüsements bezeichnen sollte; viele schliefen mit Mäntelpolstern unter den Köpfen.

Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Plätschern durch die traumhafte Stille endloser gleichmäßig grüner Einsamkeit.

Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genießen können, wie der Begriff der Unterhaltung sich bei den meisten mit Schwatzen deckt und ein Unbeschäftigtsein der Zunge oder der Hände ihnen gleichbedeutend ist mit Langerweile. Ich saß stundenlang still und sah in die Ferne, wo das Grün der Wiesen mit dem Blau des Himmels zusammenstieß und sich in schimmerndem Silber glanz aufzulösen schien. Ich träumte von andern Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur ihrer Zeit verkörpern, Menschen, denen Natur, Kunst und Wissenschaft unendlicher Gegenstand ihres Genießens, ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist. Herrn von Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich lächelte: der kleine Mann mit dem glatten Schädel war gewiß unter diesen der beste, aber er sah aus wie ein Bauer, und zu meinem Begriff der Menschenkultur gehörte das Aussehen eines Märchenprinzen.

Es fing an zu dämmern als der Nemonien uns aufnahm, ein breiter Strom, dessen Wellen so weich und melodisch fließen wie sein Name. Wir erreichten das Haff, von einem Lotsen geführt. Groß und rot versank der Sonnenball langsam hinter dem schmalen gelben Streifen der Nehrung, eine lange goldene Straße auf dem Wasser malend. »Der Weg zum Himmel!« sagte Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick ergriffen wie ich. »Zwei Fischerkinder von Nemonien sind einmal des Abends auf dieser Straße davongerudert. Sie bekamen daheim nur Schläge und böse Worte und wollten zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder — ob sie ihn wohl gefunden haben?!« Wie er mich ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die alten Wunden aufriß! — »Ich glaube es nicht,« antwortete ich mit zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. Die Nacht brach an, die Sterne glänzten vom hellen Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen auf das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren wir nicht vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hüllte mich sorglich in seinen Mantel und brachte mir Tee und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte ich, daß die Menschen uns so rücksichtsvoll allein lassen. Ich hatte mich ja freilich auch nicht um sie gekümmert.

Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von Labiau. Ich war sehr müde und fühlte nur noch den Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte. Schweigsam fuhren wir nach Hause.

Am nächsten Morgen neckte mich Onkel Walter mit meiner »Eroberung«, während Tante Emmy behauptete, ich hätte mich kompromittiert. Nachmittags fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit einem Rosenstrauß bewaffnet, entstieg. Er war noch verlegener als ich, und sah in diesem Kreise, wie ich fand, recht plebejisch aus. Während der ganzen folgenden Woche kam er täglich. Ich lief oft davon, aber auch auf einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fuß, wußte er mich einzuholen, und schließlich ließ ich mir seine Nähe mit einer gewissen Herablassung gefallen. Als ich eines Morgens auf die Terrasse zum Frühstück kam, fand ich Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr von Rapp hatte um mich angehalten. Soll ich leugnen, daß meine erste Empfindung die geschmeichelter Eitelkeit gewesen ist?! Der erste Antrag — und kaum fünfzehn Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerblütigen Mann, der sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit herausgerissen hatte, um eine so bittere Erfahrung zu machen. Die Vorwürfe meiner Mutter verschärften meinen Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der ganzen Sache. Ich war sehr unglücklich und malte mir des armen Abgewiesenen Zustand in so düsteren Farben aus, daß ich mich verpflichtet fühlte, ihn zu »retten«, — ich wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich verloben, ihm ewige Treue schwören.

In aller Herrgottsfrühe ließ ich mir die »weiße Dame« satteln und ritt durch einen feuchtkalten Septembermorgen zu ihm hinüber. Vor der Stalltür sprang ich vom Pferde und warf dem ersten erstaunt herbeieilenden Knecht die Zügel zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich die Glocke an dem einstöckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft kam ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich brachte! Eine dicke Wirtschafterin trat mir entgegen. Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit offnem Munde starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor mir. In äußerster Verlegenheit vermochte ich nur das eine Wort »Verzeihung« zu murmeln. »O gnädiges Fräulein hatten einen Ohnmachtsanfall!« rief er so laut, daß die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nächste Türe steckte, es hören konnte, »ich werde sofort für eine Erfrischung sorgen.« Er holte ein Glas Wein und flüsterte mir, während ich trank, mit scharfer Stimme zu: »Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube zurückzukehren. Spielen Sie vorläufig mit Puppen, statt mit Menschen!« Langsam und müde ritt ich nach Pirgallen zurück.

Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben nicht unbekannt, sogar Papa erfuhr davon, als er auf Urlaub nach Pirgallen kam. »Hast du denn gar keine Scham im Leibe?« schrie er mich wütend an. Großmama suchte mich zu schützen, aber ihre dauernde stille Sorge um mich empfand ich so sehr als einen Vorwurf, fürchtete so sehr, daß sie, die fromme Christin, mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen und Erinnerungen heraufbeschwören könnte, die ich so tief als möglich vergrub, daß ich jetzt auch jedem Alleinsein mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige Blick, mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.