»Du hast das beste Leben von der Welt. Warum bist du nicht zufrieden?« schrieb mir meine Kusine, die kurze Zeit bei uns gewesen war und meine Zerfahrenheit nicht begriff.

Ich antwortete ihr:

»Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, daß ich nur darum die hiesige Gesellschaft so abfällig beurteile, weil ich noch niemanden fand, der mich persönlich interessiert. Das ist doch selbstverständlich!

Oder gehst du der vielen Gleichgültigen wegen in Gesellschaft, die sich nach deinem Befinden erkundigen, obwohl es ihnen ganz einerlei ist, wie du dich befindest, die die kostbare Zeit mit Geschwätz totschlagen, von dem du absolut gar keine Anregung empfängst, die ein verbindliches ›Auf Wiedersehen‹ flöten und schon am nächsten Tag an deiner Leiche gleichgültig vorübergehen würden?! Aber du treibst deinen Vorwurf noch weiter und sagst ent rüstet, ich wäre wieder einmal reif, mein Herz wegzuwerfen. Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein Geist kein Interesse, so muß das Herz daran glauben. Hier im heiligen Mecklenburg ist kein Mensch, den ich nicht schon ausgepreßt hätte wie eine Zitrone, und der nicht immer sauer geblieben wäre wie sie. Nun gilts, ihm das Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, um ihn überhaupt genießbar zu machen. Deine Moralpauke schließt mit den Worten: nicht wieder ›sträflich‹ mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin grade auf das intensivste mit dem Schüren der Flamme beschäftigt. Und wie sie brennt!! ›Er‹ ist hübsch, elegant, leichtsinnig, oberflächlich, — kurz, ganz was ich brauche! ›Er‹ ist Löwe, Herzensbrecher, — kurz, ein Holz, aus dem ich mit Vergnügen meine Ritter schnitze! Du hast natürlich wieder Mitleid mit ihm, wie mit Vetter Fritz, mit Fredy usw. Warum hat denn niemand Mitleid mit mir?! Oder ist es nicht vielleicht mitleidswürdig, daß ich mein heißes Herzblut tropfenweise mit dem Allerweltsleitungswasser des Flirts verdünne?! Ich lechze nach Licht, flammendem Geisteslicht, selbst wenn ich bei seinem Anblick erblinden sollte, und nach einer Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.«

Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut mich in wild aufwallende Gefühle verstrickte. Dann flatterte es mir vor den Augen in tausend Flämmchen, heiße Schauer liefen mir über den Rücken, und feuriger begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben mir über die spiegelnde Eisfläche glitt oder beim Diner klingend sein Sektglas an das meine stieß. Ich galt für kokett; die jungen Mädchen zogen sich von mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.

In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen Hefte:

»Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreißt die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen über die Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, und wohl gehütet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie!« Und an anderer Stelle heißt es: »O über das trostreiche Verweisen auf häusliche Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste Befriedigung zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren, Deckchen sticken, Strümpfe stopfen, — soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfüllen?! Es ist nichts als eine tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens. Meine Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas erleben, das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen ohne Glut läßt, etwas leisten, das Wunden kostet ...«

Einmal — ich saß grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute ihr aus Goldpapier ein »Walhall« auf, dessen göttliche Bewohner aus Perlen und bunten Knöpfen bestanden — ließ mich Papa zu sich herunter rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.

»Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,« wandte er sich an mich. »Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des Großherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein einleitender Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?«

Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte für die Bühne dichten! Sollte von einem großen Publikum gehört werden! Trotzdem kamen mir Bedenken: