Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas ähnliches gesagt hatte, und Groll gegen mein Schicksal erfüllte mich.

Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung immer trüber. Ich fühlte, daß ich meinem Werk den ganzen Gluthauch des Lebens, den ich dunkel empfand, nicht einzuflößen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie für alles schwärmte; der laute Ton des Künstlervölkchens bei Landsbergs, der mir früher ersehnte Offenbarung natürlichen Fühlens gewesen war, tat mir weh, je mehr ich die falsche Note hörte. Das Tiefste versteckten schließlich alle: wir durch schweigende Zurückhaltung, sie durch lärmende Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen meines Werks, die mir am besten gelungen schienen. »Bringen Sies mir, wenn es vollendet ist, vielleicht läßt es sich aufführen,« sagte er nach der Lektüre, — nichts weiter. Wäre es das Außerordentliche gewesen, das ich hatte schaffen wollen, er hätte sicherlich anders gesprochen!

Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und übertrug das ursprünglich in Prosa oder in freien Rhythmen Geschriebene in fünffüßige Jamben. Alle Wärme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik kämpfte, desto nüchterner und fremder sah mich meine eigene Arbeit an. Und schließlich kam ein Tag, an dem ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blättern saß, und wußte, daß ich meiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wie ein steuerloses Schiff auf brandendem Meere war ich wieder; eine Fata Morgana waren meine Hoffnungen gewesen; das Leben sah mich an, eine leere, dunkle, feuchtkalte Höhle, die von den Fackeln meiner Träume noch eben in magischem Zauber geleuchtet hatte.

»Ganz oder gar nicht,« — das war mir allmählich zum Wahlspruch geworden. So verurteilte ich denn fast alles, was ich seit meiner Kindheit geschrieben hatte, zum Feuertode, verschnürte und versiegelte das Übriggebliebene — darunter auch mein verunglücktes jüngstes Werk — und warf den Schlüssel der kleinen Truhe, in der ich es verwahrte, zum Fenster hinaus.

Und nun überfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, so stark, so unüberwindlich, als wäre ich dort zu Hause und überall sonst in der Fremde. Auf meine Bitte, zu ihr ins Rosenhaus kommen zu dürfen, antwortete Tante Klotilde umgehend, daß sie zwar noch nicht dort sei, die alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und ich sie mit ihr dort erwarten möge. Ehe ich ging, zog ich meinem Schwesterchen noch zwei Puppen an, — Helgi und Sigrun. Sie liebte sie zärtlich, und noch Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter entgegen, als höhnten sie meiner, die ich lebendige Menschen hatte schaffen wollen.

Zehntes Kapitel

Allein in Grainau! — Noch lag der Schnee bis zum Tal hinunter, und die Sonne stand noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr als ein paar Stunden am Tage das Dörflein wieder zu grüßen, vor dem sie sich im Winter monatelang hinter den steilen Wänden des Waxensteins versteckte. Nur im Rosensee spiegelte sie schon länger ihr strahlendes Antlitz, als wollte sie sich überzeugen, ob sie würdig des kommenden Frühlings wäre. Der riß hie und da keck an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem hellen blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde herunter. Seltsam, wie wohl mir war, kaum daß die Loisach, voll und gelb von Schneewasser, mich lärmend, wie ein übermütiger Bub, willkommen hieß. Mich störten der Regen nicht und der Sturm, die mir kühlend um Stirn und Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt, ging ich all die vertrauten Wege, und niemand zankte mich, wenn ich zerzaust und beschmutzt nach Hause kam, oder gar die Mahlzeit versäumte. Die gute Kathrin schüttelte nur nachsichtig lächelnd den Kopf, streichelte mir mit einem zärtlichen: »Ach die liebe Jugend« die heißen Wangen und ließ es sich nicht nehmen, mir die gewärmten Strümpfe und Schuhe selbst über die Füße zu ziehen.

War das eine Wonne, allein zu sein! Über mein Tun und Lassen selbständig zu entscheiden! Ein Schmetterling, der aus dem Puppenpanzer kriecht, konnte nicht froher sein als ich! Plötzlich — ich saß grade unter tropfenden Bäumen auf der nassen Bank, die der Sepp mir gezimmert hatte — fielen mir meine achtzehn Jahre ein; — Himmel, war ich jung! Ganz überwältigt von dieser Erkenntnis, lief ich in großen Sprüngen den Berg hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich der Länge nach im Moose lag.

Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche zur andern. Wenn sie den Schnupfen hatte und das Wetter schlecht war, zitterte sie um ihre Stimme, und vor der Rücksicht auf deren Gefährdung mußte alles andere zurückstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe, in denen sie genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen dürfe — eine Viertelstunde im Umkreis wars höchstens —, und schärfte der Kathrin ein, gut auf mich aufzupassen.

Indessen kam der Frühling, und die Bäume steckten ihm zu Ehren ihre ersten grünen Blätterfähnchen aus. Ich saß schon stundenlang auf der Veranda in Tantens Schaukelstuhl — ohne Handarbeit, ohne Buch — und sonnte mich. Außer mir und der Kathrin waren nur der alte Gärtner und sein uralter Pudel im Haus, der im Stoizismus seines Greisentums das Bellen sogar schon aufgegeben hatte. Es war daher mäuschenstill bei uns. Um so mehr erstaunte ich, als eine kräftige Männerstimme eines Morgens an mein Ohr schlug.