Die »Barkarole« beherrschte den Tanz in jenem Karneval. Ich hörte sie bis in meine Träume.

Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, — der Tanz, in dem sich die ganze graziöse Sündhaftigkeit und künstlerisch verklärte Erotik seiner Zeit widerspiegelt. Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand, sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend über den Hüften, zum Umspannen schmal in der Taille, mit langen höfischen Schleppen. Rosen und Lorbeer rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschnüre schlangen sich mir um Hals und Nacken. Hoch gepudert die Haare, ein Schönpflästerchen am Mundwinkel und eins auf der Brust, — so traf ich im Vorzimmer am Abend des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir staunten einander an, — so hatte ich die ebenmäßige Schönheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie jetzt, wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand. Aber sein Gesicht blieb ernst.

»Mir paßt der Narrentrödel nicht!« sagte er, während wir uns nach Mozarts unvergänglichem Don Juan-Menuett neigten und drehten. »Ist nicht die gleißende Pracht ein Hohn auf unsere Armut?«

»Ich fühle nur, daß wir reich sind, die Reichsten der Welt!« antwortete ich und lehnte den Kopf zurück, um über die Schulter hinweg ihn selig anzulächeln, wie die Figur des Tanzes es grade befahl.

»Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein bist!« gab er zurück und beugte das Knie in bittender Gebärde zu dem lang gezognen Sehnsuchtston der Musik.

Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit verschränkten Armen an einem Pfeiler, und jedesmal, wenn ich vorüberkam, fühlte ich seinen Blick.

»Du darfst heute mit keinem anderen tanzen,« redete er mich an, als mein Tänzer mich verlassen hatte, — er vermochte seiner Erregung kaum Herr zu werden. Vergebens suchte ich ihm das Unmögliche seines Verlangens klar zu machen; »ich verlasse das Schloß, wenn du nicht tust, um was ich dich bitte, — ich halts einfach nicht aus, daß jeder Schmutzfink dich im Arm hält und seine frechen Blicke sich an deiner Schönheit weiden.« Ich fügte mich beglückt von der Stärke seiner Leidenschaft, und um keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen, bat ich meine Mutter, mir in der Garderobe eine aus Taschentüchern improvisierte Bandage um den »verstauchten« Fuß zu legen, der mich am Tanzen hindern sollte.

Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht mehr. Im Ballsaal drängte sich die Jugend, in den Nebenzimmern saßen die Älteren an den Whisttischen. Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten, phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer spärlicher brannten. Wir standen eng aneinander geschmiegt vor Tristan und Isoldens Liebesmär, die hier im Schloß der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den Wänden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und Leanders Marmorbilder im rosigen Schein gedämpften Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu atmen, an den sein Haupt sich zärtlich lehnte.

Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... »Schöne Nacht — o Liebesnacht — o stille das Verlangen —« klang es leise — sehnsüchtig.

Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht, immer dichter aneinander geschmiegt, flogen wir durch den halbdunklen Raum. Mir war, als hörte ich ein unterdrücktes Gelächter, — aber im nächsten Augenblick vergaß ich es wieder.