Acht Tage fast lag ich in völliger Apathie. Dann ging ich aus, und bald darauf ins Theater. Man gab »Hoffmanns Erzählungen« — selbst bei der Barkarole klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. Mama triumphierte.
Elftes Kapitel
»Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut ist — krank und hat sich auf ein Jahr beurlauben lassen,« — dabei lächelte sie, halb triumphierend, halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann.
»Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« antwortete ich mit vollkommener Ruhe.
An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und hatte für alle ein liebenswürdiges Wort, einen koketten Blick, so daß die Kotillonsträuße auf meinem Schoß sich häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am offenen Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle Zimmer mit einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf ich mit einem Gefühl des Ekels das glitzernde Ballkleid, die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von mir.
»Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lächeln empfand ich, als ob schmutzige Hände mich betasteten. Ich mußte fort, weit fort!
Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu bewegen, mich verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren für diesen Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu frühen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang, fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich in Empfang nahm.
»Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes Wort. Peinlich überrascht sah ich auf. »Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier behalten wollen,« fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber wachsen, ehe du dich zeigst.« Seine Frau benützte die Gelegenheit, um über meine »mißglückten Pläne«, meinen »bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu machen, so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach Königsberg saß.
Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als früher, und die das einzige war, wodurch Großmama mir ihr Wissen verriet, schloß sie mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern, hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Stürme gäbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden. Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete den von Mama zuerst — ich fürchtete mich instinktiv vor dem anderen.
»Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, daß ich es für nötig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen. Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem Himmel. Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, so hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die höhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest Du daraus endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern zugrunde richten willst ...«