»Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,
Helljubelnd grüßen wir den Wellenschaum,
Der Sturm singt uns das schönste aller Lieder
Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum —
Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? —
Stranden!«

Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir in seiner grellen Dissonanz zu den Worten schmerzhaft ins Herz schnitt, schloß der Sänger. Man drängte sich um uns, die Gläser klirrten aneinander, ich hob das meine noch einmal hoch empor wie zum Gruß an den mißgünstigen Zuschauer, der unter der Menge verschwand.

»Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,« sagte Onkel Walter am Morgen ärgerlich zu mir; »Graf Göhren ist abgereist.« Ich zuckte gleichgültig die Achseln. »Du solltest zufrieden sein, wenn überhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach dem Skandal mit —.«

»Ich bitte dich, dies Thema ein für allemal unberührt zu lassen,« unterbrach ich ihn heftig, »im übrigen erkläre ich dir: lieber gehe ich betteln, als daß ich mich verkaufe.«

Onkel Walter wurde dunkelrot. »Mäßige dich, ja? « herrschte er mich an, dann zuckte ein bitteres Lächeln über seine sonst so gemessen beherrschten Züge: »Glaubst du, daß irgend einer von uns seinem Herzen hat folgen können?!« Überrascht sah ich auf — welch Licht fiel plötzlich auf das Glück von Pirgallen?!

Im Spätherbst besuchte ich Großmama noch ein paar Tage, um dann zu meinen Eltern nach Bromberg überzusiedeln. Die letzten Monate krampfhaften Lebens waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer vom Sommer sehnsüchtig träumenden Baum die letzten Blätter entreißt. Sonst, wenn michs fröstelte vor dem nahenden Winter, gaukelte meine treue Gefährtin Phantasie mir immer neue lachende Frühlingsbilder vor, und meine junge, starke Hoffnung hielt sie gläubig fest. Jetzt sah ich mich vergebens um nach den beiden. In jener Nacht, da mein Herz gestorben war, hatten sie mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.

»Ist es nicht merkwürdig, daß Ihr alle meinen Leichnam für mich selbst halten könnt?!« schrieb ich an meine Kusine, »oder meinst Du, ich lebte, nachdem ich mit vollen Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt zu entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts gefunden habe als das ewige Einerlei der Wogen! — — — Nur um eine Einsicht bin ich inzwischen reicher geworden: daß das Glück, nach dem wir ein so unbändiges Verlangen tragen, nichts ist als Betäubung. Betäube durch Arbeit, Vergnügen, Liebe, durch Religion und Kunst Deine Überlegung, betäube den Gedanken an all das Elend in der Welt, geistiges und leibliches, betäube die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an gescheiterte Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und Du wirst ›glücklich‹ sein. Je jünger man ist, desto leichter gehts; es ist aber leider wie mit dem Morphium: je mehr man seiner bedarf, desto weniger wirkt es ...«

Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich fürchtete mich. Vor Papas übler Laune, vor der Öde der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde ich angenehm enttäuscht: mein Vater war bei bestem Humor und erzählte mir schon in den ersten zehn Minuten des Zusammenseins, daß seine Stellung nicht nur eine sehr angenehme und selbständige, sondern infolge der anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine höchst interessante wäre. Aber in bezug auf die Kleinstadt wurden meine schlimmsten Erwartungen übertroffen. Es gibt welche, die erfüllt sind von Tradition; die Giebelhäuser, die Türme, die Kirchen, die Stadtmauern erzählen unablässig ihre alten Geschichten, und wir träumen und phantasieren schließlich so gern mit ihnen, daß wir die Welt draußen beinah vergessen; und andere gibt es, die liegen warm und wohlig an breiter schützender Bergbrust, ein Flüßlein rauscht und plätschert ihnen zu Füßen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes Spielzeug aus, — auch da ist gut sein für arme heimatlose Wanderer; aber wo Pest und polnische Wirtschaft die Häuser und Mauern zerfallen, die Wälder rasieren ließen und die moderne Industrie lieblos und gleichgültig an schnurgeraden Straßen Kasernen und Fabriken baute, da ist recht eigentlich die Fremde, die nie und nimmer zur Heimat wird. Daß der alte Fritz hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der Oder verband, daß er die Schleusen mit vielen schönen Bäumen umpflanzen ließ, dankte ihm jeder, der nach Bromberg verschlagen wurde, — diese einzige Schönheit des Orts machte es allein möglich, hier und da frei aufzuatmen.

Wie die Tiere sich in Form und Färbung ihrer Umgebung anpassen, so nehmen die Menschen allmählich die Stimmung ihres Wohnorts an. Ein schweres Grau lagerte daher über der bromberger Geselligkeit, selbst die Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. Dabei tanzte man unermüdlich mit einem erwartungsvollen Eifer, als gelte es, das Vergnügen schließlich doch einzuholen. Aber es lief immer wieder davon. Der Flirt stand in schönster Blüte, und der Klatsch noch mehr, — womit hätten sich die Leute auch sonst beschäftigen sollen?! Es wimmelte von Uniformen aller Art; aber selbst die schönste kavalleristische Farbenpracht vermochte nicht über den Talmiglanz des Lebens hinweg zu täuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; zwischen mir und den jungen Mädchen bestand nun einmal ein gespanntes Verhältnis. »Ihr Leben allein widert mich an«, schrieb ich an Mathilde, »ein bißchen Musik, ein bißchen Malerei, ein bißchen Wohltätigkeit und unter dieser Maske der guten Gesellschaft entweder nichts, oder ein unklares Durcheinander von Romantik und unterdrückten kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefühl, nie ein brennendes Interesse. O, daß ihr kalt oder warm wäret!« Die Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: ihre Kinder, ihren Mann, ihre Häuslichkeit; freilich: Zeit, an ihre Bildung zu denken, hatten sie nicht. Wie viele, die abends in eleganter Toilette, Lebenslust heuchelnd, den Ballsaal betraten, standen vom frühen Morgen an am Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmütigen »Mädchen für Alles« als Hülfe, und wuschen abends heimlich bei verhängten Fenstern die Kinderwäsche selbst. Zu standesgemäßer Geselligkeit verpflichtet, gaben sie zwei langweilig-feierliche Soupers jährlich, fasteten vor- und nachher, um sie möglich zu machen, und bezahlten eine große Wohnung aus demselben Grunde. Wenn sie aber dann, schlank und vornehm im glatten Schneiderkleid an der Seite ihrer eleganten, säbelrasselnden Männer über die Straßen gingen, folgten ihnen neidische Blicke, denn das Volk hat die Naivität der Kinder, die sich den König nur in Purpur und Krone, den Bettler nur im durchlöcherten Kleide denken können.

Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier — einem männlichen Seitenstück zu dem neidischen Haß, mit dem die meisten Frauen jede schön Gekleidete betrachten — war wohl noch nie so stark zutage getreten als damals, wo selbst der Kleinstädter, den sonst die Wellen geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen Kämpfen um das Septennat lebhaften Anteil nahm.