Jetzt war die Reihe an meinem Begleiter, überlegen zu lächeln.

»Ob Sie, infolge irgend welcher verwirrender Lehren sogenannter wissenschaftlicher Aufklärung, Heidentum nennen, was christ-katholisch ist, das dürfte zunächst von geringem Belang sein, sofern Sie nur an die Lehren der Kirche glauben. Wir verlangen von den Novizen nicht die Gedanken- und Gefühlstiefe des erprobten Bekenners.«

»Aber ich glaube ja an Ihre Heiligen nicht, wenn ich ihre Existenz auch verstehe!« Der Priester schüttelte den grauen Kopf. »Wir werden einander nie näher kommen, Hochwürden. Wo Sie Religion sehen, sehe ich Kunst, und Ihr Gott und Ihre Heiligen sind für mich nicht überirdische Wesen, die ich anbeten muß, sondern Gebilde, die unsere Phantasie erschuf, wie die Hand des Malers die heilige Jungfrau drüben. Daß Ihre Kirche diese Schöpferkraft nicht unterband, sondern schützte, nährte, anfeuerte, ist ein Verdienst, das sie mir ehrwürdig macht. Sie werden aber nun selbst einsehen, daß sich aus solchem Material keine Proselyten machen lassen.«

Man schien mich trotz alledem nicht aufzugeben. Ich wurde in der Gesellschaft Westfalens mit mehr Interesse und Aufmerksamkeit behandelt als sonst ein junges Mädchen und war viel zu eitel, um die Vorteile dieser Aus nahmestellung nicht angenehm zu empfinden. Daß ich mich im stillen immer weiter aus dem geistigen Bannkreis meiner Umgebung entfernte, bemerkte niemand. Mit wem hätte ich mich auch ehrlich aussprechen können? Mein Vater war in seinen kirchlich und politisch konservativen Anschauungen immer schroffer geworden, und je höher die Stellung war, die er einnahm, je mehr er nichts anderes um sich hatte als Untergebene, desto selbstherrlicher wurde er, desto weniger duldete er Widerspruch. Meine Mutter wurde von steigender Antipathie gegen meine Studien beherrscht, jeden Büchertitel musterte sie mit größtem Mißtrauen, und ich konnte sicher sein, mit irgend einer »wichtigen« häuslichen Aufgabe, wie Wäsche flicken, Staub wischen oder dergleichen, immer dann betraut zu werden, wenn ich am meisten gefesselt war. Unter unseren vielen Bekannten war niemand, den ich für würdig und fähig gehalten hätte, an meinen Interessen teil zu nehmen. Es gab schon verblüffte Gesichter genug um mich her, wenn ich etwa über politische Tagesereignisse mitzureden den Mut faßte.

So wurde ich denn immer launischer, reizbarer und hochmütiger. Nichts als meine pessimistischen Ansichten über die Menschen hatte ich ausgesprochen, wenn ich auf einem Maskenfest des letzten Winters an die Rosen, die ich verteilte, statt der Dornen Verse wie diese geheftet hatte:

Die Menschen tragen im Leben
Eine Maske vor dem Gesicht;
Wünsch' nicht, sie zu demaskieren,
Denn, wisse, es lohnt sich nicht!
Und fürchtest du die Rose,
Weil stets ihr Dorn dich sticht, —
So pflücke dir Gänseblümchen,
Die, Teuerster, stechen nicht!
Du träumst vom Feuer der Liebe,
Das hoch ein jeder preist?
Wisse, in unserm Jahrhundert
Ist es ein Irrlicht meist.
Traue keinem hier von allen,
Dann erst recht nicht, wenn die Maske fiel;
Niemals wird die zweite Maske fallen,
Und was Wahrheit scheint, ist Narrenspiel.
»Im Münster ist's finster,«
Wer wüßte das nicht?
Doch sag mir, wo in der Welt
Ist es licht?

Licht war für mich nur die Welt der Bücher; Erkenntnisse, die ich gewann, erfüllten mich mit tiefer heißer Freude, und die Sehnsucht wuchs hinaus aus der Enge des Lebens; von der Phantasie nahm sie die leuchtendsten Farben, um Menschen zu malen, die von Idealen erfüllt, mit den reichsten Waffen des Geistes ausgestattet, eine dunkel geahnte andere Welt zu erobern ausgingen. Mein Tagebuch und die Briefe an Mathilde waren die Vertrauten meines eigentlichen, verborgenen Lebens.

»Ich bin in meinem Studium der Kulturgeschichte beim fünften großen Werke angelangt,« schrieb ich da mals, »mein Interesse dafür ist immer im Wachsen, und immer wieder finde ich, was mich fast von Kindheit an — damals noch wie eine Ahnung — erfüllte: daß wir uns trotz allem, was den Blick momentan verdunkeln mag, unaufhaltsam vorwärts bewegen. Wehe denen, die hemmen wollen, sei es in der Kunst, der Wissenschaft, der Religion, oder der Politik! — Nur eins schmerzt mich oft bis zur Verzweiflung: daß ich nur Zuschauer bin und weder beim Niederreißen des Alten, noch beim Aufbauen des Neuen tatkräftig eingreifen kann.«

An anderer Stelle heißt es: »Auf dem Wege meiner stillen Studien bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß unsere Entwicklung wie auf einer Wendeltreppe vorwärts schreitet. Zuerst lernt man mechanisch, ohne zu verstehen, dann lernt man verstehen; aus beiden folgt das eigene Denken, und erst auf diesen drei Stufen erhebt sich der persönliche Mensch und fängt nun scheinbar von vorn an: er lernt, er versteht, er denkt — oder er entzündet das trocken aufgehäufte Pulver des Verstandes mit dem elektrischen Funken seines eigenen Geistes und sprengt damit die starren Formelmauern, um nun selbst Licht und Wärme zu verbreiten. Auf jeder Stufe bleiben viele Menschen stehen; darum wird man mit dem Vorwärtsschreiten immer einsamer und läßt viele hinter sich zurück, die nicht gleichen Schritt mit uns hielten.«

Soweit meine Kusine sich auf Diskussionen einließ, trat sie mir entgegen. Sie verteidigte z. B. die Heroengeschichte gegenüber der Kulturgeschichte; sie suchte mir zu beweisen, daß die Könige, Staatsmänner und Feldherrn die Geschichte »machen,« während ich erklärte, »daß der einzige dauernde gesunde Fortschritt aus dem Volk herauswächst und die Großen der Erde oft nichts sind als Marionetten in der Hand der ungeheuern namenlosen Masse.« Ich hatte viel zu sehr das Bedürfnis, mich irgend jemandem gegenüber auszusprechen, und ihr Urteil war mir überdies viel zu wenig maßgebend, als daß ich mich von ihren Gegengründen hätte abschrecken lassen. »Meine letzte Entdeckung muß ich Dir mitteilen, obwohl ich von vornherein weiß, daß Du über meine ›umstürzlerischen‹ Ansichten wieder empört sein wirst. Je mehr ich die Geschichte der Völker studiere, desto klarer wird mir, daß der große, viel zu wenig anerkannte Fortschritt unserer Zeit in der völlig veränderten Wertung der Arbeit besteht. Kein Volk der Vergangenheit hat die Arbeit an sich als etwas Ehrenvolles betrachtet. Im Gegenteil: nur der Sklave, der Kriegsgefangene, kurz, der Entrechtete, Ehrlose arbeitete. Die Arbeit war eines freien Mannes unwürdig. Das war die durchgängige Ansicht der antiken Völker, das war auch die der Germanen. Und zu jenen Ehrlosen, die zur Arbeit gewissermaßen verdammt waren, gehörten charakteristischerweise nicht nur die Unfreien unter den Frauen, sondern ihr ganzes Geschlecht. Die Arbeit eine Ehre — das Nichtstun ein Laster, — dahin fangen wir erst an, uns zu entwickeln, und zu ihrer vollen Bedeutung wird diese Erkenntnis erst in später Zukunft gelangen. — Für mich persönlich ist sie nicht eine bloße verstandsmäßige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich erschütterte. Wird der Wert des Menschen an seiner Leistung gemessen, — wie bestehe ich vor dieser Prüfung?! Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, und ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt!«