Leider aber war es zur Zeit durchaus nicht möglich, ihn so zu behandeln. Das war ja das Verzweifelte. Sein Ruf und Name wechselte wie der Mond. War man ihm vor wenigen Wochen ausgewichen wie einem Aussätzigen, so feierte man ihn heute als den leuchtendsten Helden der Christenheit, und selbst sein kahles, ausgeplündertes Böhmen ließ sich blenden, wenn er von strahlenden Siegen zurückkam.

Dringend warnte der Abt den Bischof, er solle sich ja nicht im geringsten mit dem Luxemburger einlassen. Seine Politik sei letzten Endes sinnloses Spiel. „Kühlende Wellen locken mit Schillern und Glitzern den Wandrer; wirft er sich arglos ins Meer, ziehn sie ihn tückisch hinab,“ zitierte er. Behaglich, mit literarischer Freude an der Zerlegung, sezierte er den Luxemburger und sein Gewese. Sein verfeinertes Rittertum begnüge sich nicht damit, in dickem Forst Riesen und geharnischte Männer aufzusuchen. Er liebe die viel bunteren Abenteuer der Politik. Nicht der Erfolg locke, ihn locke die gefährliche Freude an der Wirrung, am Getriebe. Wo immer in dem wirrseligen Europa ein Zwist sei, wo Kaiser und Papst sich stritten, König und Gegenkönig, Frankreich und England, lombardische Städte, Maure und Kastilier, überall müsse der Luxemburger seine gepflegte, spielerische Hand drin haben. Verträge, Bündnisse stiften, Ehen kuppeln, Fäden anknüpfen, zerreißen, Krieg führen, Frieden schließen, Schlachten schlagen, verhindern, immer im dicksten Getümmel stehen, Freunde, Feinde machen, Soldaten, Länder nehmen, geben.

„Nur kein Geld,“ seufzte der Bischof.

Der Abt schloß, sich freuend an der eigenen eleganten Beredsamkeit. Dieser geniale Projektenmacher sehe alle entferntesten Möglichkeiten, strecke seine Hand über das ganze Abendland, raffe an sich, lasse fallen. Und während Böhmen innerlich immer kränker werde, schlucke er immer neue Besitzanrechte, Länder, Städte, verstreut durch alle Grenzen, blase sich gigantisch auf. Der behagliche, betuliche Abt streckte sich, sprach rednerisch wie auf der Kanzel: „Aber wenn auch dieser Herr Johann noch so hastig über die Erde hinfährt, lachend, stattlich, strahlend, elegant, modisch, immer eidbrüchig, immer ohne Geld, immer von stürmischer, sieghafter Liebenswürdigkeit – es ist ihm ein Ziel gesetzt. Sein Gewese wird keine Frucht tragen, es ist sinnlos, es ist ohne Gott. Manchmal kommt mir der Böhme vor wie eine Puppe, wie ein Gespenst. – Maß ist in allen Dingen, gesetzt ist ihnen die Grenze,“ zitierte er einen alten Schriftsteller.

Der Bischof glaubte das auch. Aber bis dahin konnte es noch gute Weile haben. Vorläufig jedenfalls hatte Gott dem Böhmen kein Ziel gesetzt, und er, der arme Bischof, hatte ihn auf dem Hals. Der beredte Abt wußte auch nichts weiter zu sagen, und die beiden Prälaten schauten schweigend, nachdenklich hinaus auf das rötliche, üppige Land, die geschwungenen, bräunlichvioletten Berge, schwer von Frucht und Wein.

*

Nein, vorläufig war dem Böhmen kein Ziel gesetzt. Vielmehr saß dieser Herr Johann heiter und fest in dem besonnten Trient, dehnte sich, rekelte sich. Überließ sein langes Haar, den schönen, vollen Bart den wohligen Winden des südlichen Herbstes. Hofierte die deutschen und die welschen Damen Tirols. Durch die Lombardei flog es, durch die reichen, mächtigen Städte, durch die Schlösser der überstolzen Barone: Johann von Böhmen ist da, König Johann, der Sohn des siebenten Heinrich, Römischen Kaisers, Johann, der ritterlichste Mann des Abendlandes, Stern der Ghibellinen. Burgundische, böhmische, rheinische Ritter und Hauptleute zogen mit ihren Fähnlein in diesem herrlichen, gesegneten Herbst über den Brenner. Aus München der Kaiser Ludwig äugte mißtrauisch her. In Avignon der Papst, der zweiundzwanzigste Johann, ward unruhig. Wieder schaute das ganze Abendland auf den strahlenden, unberechenbaren Mann.

Die Parteiführer und Herren der Po-Ebene wetteiferten, ihn für sich zu gewinnen, schickten ihm Gesandte, Geschenke. Zwei prächtige Araberpferde kamen von Mastino della Scala und seinem Bruder, Herrn von Verona. Aber Brescia bot ihm durch seinen Vikar, Friedrich von Castelbarco, nicht nur Pferde, es bot ihm sich selbst an und lebenslängliche Herrschaft. Aldrigeto von Lizzana ließ dem Vermögensverwalter Johanns viertausend Veroneser Silbermark auszahlen, bat den König – als Schutzherrn Toscanas und der Lombardei –, ihn mit dem brescianischen Ufer des Gardasees zu belehnen. Und plötzlich war auch Messer Artese aus Florenz da, der Bankier, grau, unscheinbar, schattenhaft, mit zwei Brüdern, die ihm sehr ähnlich sahen, und sehr viel Geld.

Und dann, ohne lange Ankündigung, sachte, setzte sich Johann in Bewegung. Nur wenige tausend Reiter folgten ihm. Aber glänzend gerüstet alle, erlesenste Soldaten. Rauschend strahlte der helle Zug durch das satte, reife Bergland. Süßer, schwerer, besonnter Herbst. Dicke Trauben, strotzende Früchte. Aus den violetten, rötlichen, bräunlichen Bergen goß sich die silberne, eiserne Flut in die Lombardische Ebene. Wie eine Braut glitt sie den Kömmlingen unter die Füße. Bergamo, Pavia, Cremona in seinem Besitz ohne Schwertstreich. Fahnen, Glocken, Behörden auf Knien, die Schlüssel ihrer Städte darbietend. Die großen Barone demütig um Bestätigung ihrer Lehen flehend. Novara, Vercelli, Modena, Reggio von seinen Rittern besetzt. Feierlicher Einzug. Auf den Balkonen der herrlichen, bunten Häuser geschmückte Frauen, mit großen, gebannten Augen auf den Sieger schauend, der so gar nicht mühselig, schwitzend und bestaubt, der festlich wie im Tanz das weite, reiche Land besiegt. Der Kaiser, tief beunruhigt, schickt Sondergesandte, den Burggrafen von Nürnberg erst, den Grafen von Neiffen dann, was denn der Böhme in Italien wolle. Harmlos Johann; er plane durchaus nichts gegen Ludwig, nehme, was er erwerbe, für das Reich in Besitz; er wolle nur die Gräber seiner Eltern besuchen, des Römischen Kaisers, des siebenten Heinrich, Grab in Pisa, seiner Mutter Grab in Genua, die Leichen, wenn möglich, in die Heimat schaffen. Während zu Weihnachten in München alle Glocken unter dem päpstlichen Interdikt stumm bleiben, Kaiser Ludwig in seiner Hauskapelle vor kleinem Gefolg, das blanke Schwert hoch in der Hand, als Schirmvogt der Christenheit das Weihnachtsevangelium vorliest, hält Johann leuchtenden Einzug in Brescia. Kommt er für den Kaiser? Für den Papst? Nur für sich? Niemand weiß es. Weiß er es selber? Er schreibt sich Nachfolger des Kaisers, Friedensstifter. Die Gonzaga in Mantua, die Visconti in Mailand beugen sich ihm. Ein Königreich Lombardei rundet sich ihm, fällt ihm zu wie eine Frucht, die man sich vom Zweig langt.

An beiden Ufern des Po residiert er; nie hat ein Römischer König stolzer Hof gehalten. Er läßt sich huldigen von der Adria bis ins Ligurische. Lächelt tief, satt, fern. Stieg er mit festem Plan in die Ebene hinab? Heute ist er der mächtigste Mann der Christenheit. Hat den Rhein hinauf, hinunter, tief ins Frankreich hinein Land und Herrschaft. Hat Böhmen, Mähren, Schlesien, streckt sich weit ins Polnische. Hat Niederbayern durch seine Tochter, Kärnten, Krain, Tirol durch seinen Sohn. Hält den Wittelsbacher umklammert, liegt rings um den Habsburger. Hat jetzt das reiche, süße, oberitalienische Königreich. Reckt sich. Atmet. Hält Feste. Zieht die schönsten Frauen an seinen Hof. Manchmal auch, schattenhaft, unscheinbar, kommt mit seinen Brüdern Messer Artese aus Florenz, steht ferne, bescheiden, neigt sich viel Male.