Der Bischof von Brixen, der auf die Nachricht vom Ableben König Heinrichs sich sofort nach Schloß Tirol aufmachte, noch bei Nacht reitend, hörte auf der Straße das Getrappel von vielen kleinen Schritten. Er fragte seine Leute, ob sie nichts sähen. Die hörten wohl auch das Geräusch, aber sie gewahrten nichts. Wie nun der Bischof schärfer durch die Nacht blickte, sah er, daß es die Zwerge waren, die eilig in dickem Zug nach Norden wanderten. Sie hatten aber ihre Edelsteine an den Fingern, so daß nur er sie sehen konnte. Er hielt einen an und fragte. Der erwiderte, nun der gute König Heinrich tot sei, fühlten sie sich nicht mehr sicher und müßten das Land verlassen.

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Noch am gleichen Tag ritten die Kuriere, die die Todesnachricht ins Land trugen. Einer über die Berge in die welsche Ebene nach Verona. Da freuten sich die Brüder della Scala. Nun wird es Verwirrung geben in den Bergen. Nun wird man wieder die Hand ausstrecken können nach Norden, sich ein Stück Land erraffen. Einer ritt nach Wien. Da saß der lahme Herzog Albrecht, immer fröstelnd, am Kamin, schlecht rasiert, mager, kränkelnd. Er horchte hoch auf, beschickte seinen Bruder, berief Sekretäre, diktierte, vergaß zu essen über Plänen und Arbeit. Einer ritt nach München zum Kaiser Ludwig. Der schaute ihn an aus seinen großen, treuherzigen, blauen Augen über der langen Nase, und während er in umständlichen, biederen Worten seine Trauer bekundete über den Hingang des vielgeliebten Oheims, bedachte er schwerfällig die Vorwände, unter denen er am bequemsten seine kleine Kusine um ihre Länder bringen könnte.

Margarete beschaute sich im Spiegel. In die Elfenbeinkapsel, in die das Glas eingelassen war, schnitt sich ein Relief, auf dem die Burg der Frau Minne erobert wurde. Nun ja, so wie die Frau Minne war sie, Margarete, eben nicht von Antlitz und Figur. Dafür war sie Herzogin von Kärnten und Gräfin von Tirol. So also schaute eine Herzogin aus. Sie prüfte sich mit bitterem Scherz. Laß sehen! Augen und Stirn gingen an. Das Schlimmste war der Mund, dies überworfene Affenmaul. Nun, dafür hatte sie Kärnten. Dann waren die schlaffen Hängebacken ein arges Übel. Aber wurde es nicht aufgewogen durch die Grafschaft Tirol? Und der graue, fleckige Teint? Legt Trient darauf, Brixen, Chur, Friaul. Ist er dann nicht glatt und rein?

Johann, ihr Gemahl, war geschwellt. Nun war er Fürst und Herr. Er wurde geradezu liebenswürdig in seiner gehobenen Laune. Margarete betrachtete ihn. Eigentlich war er ein hübscher Junge: das lange, herrische Gesicht, das schöne Haar. Auch seine Augen schienen ihr heute freier, kühner. Er dachte: Schön ist sie nicht. Aber die Länder sind schön, die sie mir zubringt. Er sagte zu ihr: „Na? Gretl?“ und küßte sie herzhaft auf ihren häßlichen Mund. Er tat ein übriges und sagte, jetzt müsse sie auch einmal auf die Falkenbeize mit ihm gehen.

Dann saßen die beiden Kinder zusammen, sehr ernsthaft, und berieten ihre ersten Regierungsmaßnahmen. Die Lage war nicht einfach. Die Feudalbarone waren schwierig, würden gewiß die Lage ausbeuten wollen. Der Knabe Johann setzte sein hochmütiges Gesicht auf. Er wird sie schon kleinkriegen. Er ist auch wilder Pferde schon Herr geworden. Vor allem muß man seinen Vater beschicken, den König Johann; der ist wohl noch in Paris, beim Turnier, bei seinem Schwager, dem König von Frankreich. Dann müssen Boten an den Kaiser, an die Herzoge von Österreich. Die Kinder befahlen den Abt von Viktring zu sich, betrauten ihn mit der Botschaft, gravitätisch und doch mit gespielter Leichtigkeit. Sie setzten ihre Namen unter die Vollmacht: Johann von Gottes Gnaden Graf von Tirol, Margareta, Dei gratia Carinthiae dux, Tyrolis et Goritiae comes et ecclesiarum Aquilensis Tridentinae et Brixensis advocata.

Doch als der Abt von Viktring diesen Brief übergab, hatten seine Auftraggeber die meisten dieser Länder schon verloren. In Linz saß der Kaiser mit dem lahmen Habsburger, beriet die Ausführung jenes Vertrags, der das Land in den Bergen zwischen Habsburg und Wittelsbach teilte. Ungeschlacht, wuchtig saß der Bayer, wollte alles für sich haben, von keinem kleinsten Dorf die Finger lösen. Zäh und hartnäckig zerrte der lahme Herzog, wählte scharfe, bittere Worte, gab nichts preis. Sie saßen, schauten, die Gedanken nur bei ihren Karten und Registern, auf die hochgehende Donau, Regen rann, die beiden Männer lagen über dem fetten Besitz, rissen hin und her. Hart feilschend kamen sie endlich überein: Kärnten, Krain, Südtirol an den Österreicher, Nordtirol an den Bayern. Als sie so weit waren, kam der Abt von Viktring mit den Briefen und Empfehlungen der Kinder. Sehr höflich empfingen ihn die beiden Fürsten. Lasen aufmerksam die Briefe. Mit undurchdringlichem Spott erwiderte zunächst der Österreicher, wie sehr der Tod seines Oheims, des edeln und hocherlauchten Fürsten, Seniors ihres ganzen Geschlechts und Vaters ihrer aller, ihm ans Herz gehe. Wie tief er seine kleine Base und ihren jugendlichen Mann bedaure. Krain gehöre nun ihm. Kärnten habe ihm die Freigebigkeit des Kaisers verliehen, Truppen seien schon unterwegs, das Land für ihn zu besetzen. Wenn er sich aber sonstwie seiner kleinen Base gefällig und behilflich erweisen könne, wolle er es gerne tun. Ähnlich sprach der Kaiser selbst, den Abt mit seinen großen blauen Augen treuherzig und unverwandt anstarrend. Nur sprach er feierlicher, tönender, weil er eben der Kaiser war. Leider seien die Kinder mit ihren Bitten zu spät gekommen; er habe mit seinen lieben Oheimen von Österreich schon alles abgemacht. Im übrigen wolle er sich die Sache in Gnaden angelegen sein lassen.

Die beiden Kinder auf Schloß Tirol, sowie sie sahen, wie schlecht ihre Angelegenheit stand, schickten Eilboten auf Eilboten nach Paris zu ihrem Vater und Vormund, dem König Johann. Aber der war im Turnier übel verwundet worden. Er lag zerschlagen und zerschunden, des Augenlichtes fast beraubt, in Verbänden und Umschlägen und konnte nach Tirol nur den matten Trost schicken, die Kinder sollten guten Mutes sein; sowie seine Kräfte es erlaubten, werde er selbst kommen und sie und ihre Länder schützen. Es war ein besonderer Unstern, daß er hilflos im Bett liegen mußte, während der Kaiser und Habsburg die reichen Länder, die er sich durch so langwierige und geschickte Diplomatie gesichert hatte, unter sich verteilten. Allein Spieler und Fatalist, der er war, ging ihm auch dies Unglück nicht sehr tief. Er war an jähen Wechsel gewohnt, riß in aller Ohnmacht und Erbärmlichkeit leichtfertige Witze über die Frauen und die Länder, die ihm auf diese Art entgingen, rechnete mit dem Gleichmut des Spielers auf eine glückliche Wendung.

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Unterdes wurde Kärnten und Krain ohne Widerstand von den Habsburgern besetzt. Die Städte huldigten ihnen, die Lehensurkunde des Kaisers wurde überall feierlich verlesen, die Feudalbarone und Beamten stellten sich auf den Boden der Tatsachen, ließen sich auf die neuen Herren vereidigen. Die führenden Herren, an ihrer Spitze der gravitätische Konrad von Auffenstein, der Statthalter des verstorbenen Königs, von ihm mit reichstem Gut und allem Vertrauen bedacht, spielten dabei eine sehr zwielichtige Rolle. Die Bevölkerung wurde mit dem Verrat an den beiden Kindern dadurch ausgesöhnt, daß sich in Vertretung seines lahmen Bruders der Herzog Otto von Österreich den alten, umständlichen, patriarchalischen Bräuchen unterzog, die in Kärnten bei der Inthronisation üblich waren und auf die sich der kleine Prinz Johann so gefreut hatte. Er zog also Bauerntracht an, hieß den dazu bestellten Bauern von dem Stein aufstehen, trank Wasser aus einem Bauernhut und übte mehr dergleichen überkommene Zeremonien. Der Bevölkerung gefiel dieses Festhalten an den väterlichen Bräuchen außerordentlich, die Leute waren gerührt, bekannten sich überzeugt zu dem neuen Fürsten. Herzog Otto war übrigens ein feiner, modischer junger Herr; er kam sich in der Bauerntracht sehr komisch vor, er und seine Herren machten noch lange Witze darüber. Das umständliche Zeremoniell war trotz allem da und dort nicht eingehalten worden, es gab Leute, die darüber murrten; auf Schloß Tirol bemerkte der Herzog Johann mit grimmiger Befriedigung, daß ihm das nicht passiert wäre. Allein wie immer, Kärnten und Krain, die Hälfte ihrer Länder, waren vorläufig für Margarete und ihren Gemahl verloren.