Sie mußte sich anvertrauen, sich Rats holen. Aber bei wem? Ihre Frauen waren dürr und albern, der gutmütige Abt von Viktring würde mit erbaulichen Sprüchen und Zitaten kommen. Nach einer schlaflosen Nacht sprach sie mit Herrn von Schenna.

Der lange Herr saß in schlechter Haltung vor ihr, ein Bein über das andere geschlagen, das etwas welke Gesicht in die große Hand gestützt. Durch die feinen Pfeiler der Loggia sah man weit in die Berge hinein über das starkfarbene, üppige, besonnte Land. An den Wänden der Loggia schritt sehr bunt und überschlank Tristan. Isolde stand, die eine Hand gehoben, hoch und abweisend. Zu Füßen der Herzogin Margarete spreizte sich der Hauspfau. Margarete, in einem malvenfarbenen Kleid, das kupferne Haar schillernd in dem hellen Tag, aber alle Häßlichkeit auch des Gesichts in dem klaren Licht grob und mitleidlos enthüllt, sprach stockend, in halben Worten. Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen wollte; dennoch kam jetzt ihre sonst so gewandte Rede nicht recht vorwärts, und sie sprach in Andeutungen. Schließlich war Johann doch ihr Mann. Irgend jemand müsse ihm das doch sagen. Sie selber, das gehe doch nicht gut.

Sie sah Herrn von Schenna an. Aber der saß ganz still, blinzelte in der Sonne, schwieg. Mutloser noch fuhr sie fort. Es war früher manchmal dagewesen, daß Fürsten, die als Kinder waren verheiratet worden, später feierlich Beilager hielten. Johann hänge so an Zeremonien. Ob Herr von Schenna es für angängig halte, daß sie Johann ein solches Fest vorschlage.

Herr von Schenna ließ eine Weile verstreichen, ehe er antwortete. In die besonnte Stille hinein schrie der Pfau, von unten her aus den tieferen Reben, sehr fern, klang das Geschrei spielender Kinder. Herr von Schenna wußte, daß der junge Herzog anderen Frauen gegenüber durchaus nicht so scheu und blöde war wie Margareten. Behutsam, langsam, merkwürdig sacht hub er endlich an. Wie er den jungen, eigenwilligen, herrschsüchtigen Fürsten kenne, glaube er nicht, daß er einen Gedanken ausführen werde, den ein anderer ihm eingebe. Vielleicht daß sich einmal Gelegenheit biete, ihm den Gedanken so unmerklich beizubringen, daß er ihn für einen eigenen halte. Aber man müsse sehr, sehr vorsichtig sein. Und abwarten.

Dann, froh, abbiegen zu können, wies er auf einen Herrn, der langsam in der prallen Sonne den Weg heraufritt: „Da kommt Berchtold.“

Die Herzogin sehr ehrerbietig grüßend, kam Berchtold von Gufidaun heran. Der stattliche Herr, bräunlich kühnes Gesicht, blaue Augen merkwürdig zu dem dunkeln Haar, war Jakob von Schennas bester Freund. Herr von Schenna pflegte zu sagen: „Er ist zweimal so dumm wie ich, aber zehnmal so anständig.“ Margarete mochte den festen, biederen, sehr ergebenen Mann gern leiden.

Herr von Schenna ließ Wein und Früchte bringen. Es ging gegen Abend, man hielt ein geruhsames Gespräch. In eine Stille hinein fragte plötzlich Margarete: „Sagen Sie, Herr von Gufidaun, Sie kommen doch mit vielen Leuten zusammen, mit Aristokraten, Stadtbürgern, Bauern: wie denkt eigentlich das Volk über mich?“ Der ehrliche Mann, überrumpelt, drückte unbehaglich herum, das Volk liebe und ehre sie geziemend. Schwitzte unter dem klaren, ernsten Blick des Mädchens. Schenna kam dem Verlegenen zu Hilfe. Überall wisse man, wie klug und gewandt sie sei und daß sie das Land vor Habsburg und Wittelsbach gerettet habe.

Margarete fühlte sehr wohl, daß die Vorsicht, die Herr von Schenna ihr riet, sehr am Platz war, mehr als seine Höflichkeit ihr sagte. Aber sie wollte sich das nicht eingestehen. Sie konnte nun nicht länger untätig bleiben und zusehen, wie Johann an ihr vorbeiging. Gut, ihr Gesicht war häßlich, ihre Figur breit, unedel, ohne Reiz. Aber sie war gesund, sie hatte Blut, sie war bereit, tüchtig und berechtigt, Fürstenkinder zu empfangen, zu gebären. Die Männer waren blöde, sie wollten gestoßen sein; sicher war es so. Der Junge kam auf nichts, stieß man ihn nicht an.

Sie fragte ihn, ihre Erregung mühsam bändigend, so beiläufig wie möglich, wann er eigentlich und wo die Feier ihres Beilagers abzuhalten für ratsam halte. Das Kloster Wilten, die Stadt Innsbruck warte darauf. Er schaute sie auf und ab, sein Gesicht verzog sich wütend, spöttisch, gehässig, die Augen wurden ganz klein. Eine Feier auch noch? Er habe sie doch geheiratet. Das sei Feier genug gewesen. Er denke nicht daran, ihr Beilager gar noch feierlich zu begehen. Sie möge gefälligst warten, ihn in Frieden lassen. Er schrie. Die Stimme schlug ihm um. Er lachte knurrend, höhnisch, bösartig. Seine Augen glitten von ihrem harten, kupfernen Haar über den kurzen, plumpen Leib bis zu den Füßen. Er sah aus wie ein tückischer kleiner Affe. Margarete schluckte, wandte sich, ging.

Allein, raste sie, schäumte. Wer war er denn? Wie ein bissiger, häßlicher Köter sah er aus. Wer hätte ihn angeschaut, wäre er nicht Herzog? Und sie hat ihn dazu gemacht. Und muß sich nun – wer hilft ihr? – diese frechste Verhöhnung gefallen lassen. Ist sie darum Herzogin? Wann je war eine Frau so verschmäht und gekränkt wie sie? Sie zerkratzte sich die Brust, ihr armes, häßliches Gesicht. Schäumte, knirschte, knurrte, stöhnte, daß ihre Frauen bestürzt hereinkamen.