Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart. Die dänische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Fürst könne nicht nach Schönheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die plumpe Taille! „Kärnten!“ sagte der Kaiser. Das überworfene Maul! „Tirol!“ sagte der Kaiser. Die Hängebacken! Die schrägen, vorstehenden Zähne! „Trient! Brixen!“ sagte der Kaiser.

Durch München ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen führten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mußte nur, damit sie einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten die Tiroler denn auch. Ließen sich alle ihre Handfesten, Urkunden, Privilegien bestätigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich Vetorecht und Kontrolle über alle Regierungsmaßnahmen. Verärgert, verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer Herrschaft solle, die überall so geengt, gepreßt, gehemmt sei. Voll und bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: „Hab’ du den Mantel erst an! Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.“

Nach Lichtmeß, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prächtige Zug der Wittelsbacher durch die grellweißen Berge nach Schloß Tirol. Schnee knirschte, Rüstungen klirrten, Gehänge, Gold und Silber läuteten. Weich in der dämpfenden Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Sänften, Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der Markgraf, der Brandenburger, mißmutig, zögernd, aber halb schon durch die Größe und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwäbische Herr, der intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder Arbeiter, ein unbedingter Anhänger der Wittelsbacher. Die tirolischen Barone. Zahllose bayrische, schwäbische, flandrische, brandenburgische Edle. Die Bischöfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden großen Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam und Marsilius von Padua.

Der Kaiser hielt während der ganzen Reise vor allem diese geistlichen Herren in seiner Nähe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermählung des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht nur, daß Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer Großmutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem Ehehindernis zu lösen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt gedroht. Ängstlich hörte, tief beunruhigt, die Bevölkerung diese Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie zurückzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er hatte eine tiefe, abgründige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er bedauerte aufrichtig, daß seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, überall in der Welt fanden die großen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern.

Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von Herzen, glaubte an sie, war überzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwände des Papstes zu Recht bestünden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des Gatten nie de facto vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei ungültig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklärt, die Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem Grund also zogen die bayrischen Bischöfe mit über die Alpen. Ihre Mission kam ihnen sehr gefährlich, sie selber sich sehr kühn und wichtig vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten.

Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung. Leidenschaftlicher Nationalökonom, der er war, hatte er keinen Blick für die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen Stimme nur von Ackerbauflächen, Siedlungsmöglichkeiten, Handelsstraßen, Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol – ihm war das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war überall Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tüchtiger, wohlmeinender Hand zupacken.

Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige, gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universität Paris doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhänge von Westen nach Osten. Vor ihnen – die Straße stieg sacht an – hob sich hoch der wuchtige Rücken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren sprachen über ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse Leidenschaftlichkeit, rühmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt München, die Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen Parzival. Der schärfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der Kaiser liebte die Städte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den Kriegsmann, Verträge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf Ritterlichkeit. Gewiß hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. König Johann, der Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich vielmehr den Stadtbürgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten können, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein Kind seiner Zeit. Der Theolog hörte den klugen, richtigen und literarischen Ausführungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen den breiten, wuchtigen Rücken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und nur nach ihm, wird immer bieder und aus großen Augen sich, die andern, die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und überzeugt, Gerechtigkeit, Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen.

Man nächtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender, fröhlicher Kälte den Jaufenpaß hinan. Man hatte schon die Höhe hinter sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von Freising, scheute, warf den Reiter vornüber ab. Der Bischof flog sehr unglücklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine, bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem fröhlichen, hellen Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot. Der bunte, laute, klingende Zug stockte. „Gottesgericht!“ raunte es; übergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in Decken, führte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die kühne, gefährliche Tat seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischöfe von Augsburg und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, daß nun sie Margaretes erste Ehe lösen sollten.

Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das Schloß Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmächtige Flüche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war ein Fürst der Christenheit mächtig wie er? Er hatte beide Bayern vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland, Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das schöne, alte, reiche, berühmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen, machtlos. Er hatte es, nun er die Höhen der Alpen beherrschte, fest in der Hand. Schönes Schloß Tirol! Gutes, festes Schloß Tirol!

Erstaunt hörten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit heller, lauter Stimme sang. „Er singt Lieder wie König David vor der Bundeslade!“ sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem Gemach, allein, schaute in das weiße, helle Land, schlug sich auf die Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den Kneipen seiner bayrischen Dörfer sang.