Bis Margarete kam, schwiegen die beiden Männer. Ludwig hatte keine Heimlichkeit vor dem Freund; so wußte der genau, wie es zwischen ihm und Margarete stand. Es stand aber so, daß aus Mißtrauen und Abneigung langsam eine kühle, geschäftsmäßige, wohlwollende Kameradschaftlichkeit gewachsen war. Margarete war ruhig, klug, nicht zudringlich, gab und verlangte keine Sentimentalität. Dies war dem Wittelsbacher sehr recht; seine saubere, straffe, nüchterne Art war die einzige an einem Manne, die Margarete in diesen Jahren nicht reizte. An ihre seltsame Erstarrung und Verkrustung gewöhnte er sich langsam ebenso wie an ihre Häßlichkeit, und es geschah ohne jeden verächtlichen Unterton, wenn er etwa im Gespräch mit Konrad ebenso wie das ganze Land Margarete die Maultasche nannte.

Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sie kam. Denn nie erschien sie anders als in herzoglichem Prunk. Sie trug ein Kleid aus schwerem, braunem Stoff, mit vielem Gold besetzt, das Gesicht maskenhaft steif von Schminke und Puder, auch die Hände geschminkt. Der Markgraf legte ihr die Dokumente vor, wies in kurzen Worten darauf hin, wie lückenlos vor allem das Material gegen Volkmar von Burgstall sei. Margarete sah vor sich den dumpfen, dröhnenden, wuchtigen Volkmar, die nackte, brutale Gier seines Gesichts. Er hatte mit seiner plumpen, grausamen Hand zugeschlagen, wo er konnte, er hatte im Kampf gegen die Luxemburger den jungen Rottenburg, den lustigen, harmlosen Albert vorgeschickt und sich selber feig, schwer, tückisch in den kellerigen, widerwärtigen Winkeln seiner Burg versteckt. Ihr Gesicht unter der Schminke blieb steif und ohne Ausdruck. „Verhaften Sie ihn!“ sagte sie.

Selbst der starre Konrad von Teck sah überrascht auf. „Sie sind eine tapfere Dame, Frau Herzogin!“ sagte er.

„Nachdem das Ihr Rat ist, Margarete,“ sagte der Brandenburger, „werden sich Ihre Landsleute wohl beruhigen müssen, wenn ich ihn befolge.“ Er bat, auch sie möge den Verhaftsbefehl unterzeichnen. Sie tat es.

Der Burggraf Volkmar wurde verhaftet, prozessiert. Solches Vorgehen gegen den ersten Aristokraten des Landes machte ungeheures Aufsehen. Die Barone, zitternd jeder für sich selbst, schlossen sich zusammen; vom Süden her wühlte Bischof Nikolaus von Trient, von Westen der Bischof von Chur. Konrad von Teck, dem der Gefangene unterstellt war, wich keinen Schritt. Anklage, Vermögenskonfiskation, Verhör, Tortur. Zum Urteil kam es nicht. Der Burggraf starb vorher, im Kerker, unversehens. Das Land raunte, übergraust, wollte sich empören, wagte es nicht, duckte sich, schwieg.

Margarete saß am Putztisch, als sie die Nachricht von dem plötzlichen Tod Volkmars erhielt. Das Fräulein von Rottenburg, das ihr Haar kämmte, schnaufte, zitterte, ließ den Kamm fallen. „Mach’ doch weiter!“ sagte Margarete, und ihre volle, dunkle Stimme war gleichmütig und ohne Schwanken.

*

Die Herzogin schaute von der Loggia der Burg Schenna aus in das besonnte Land. Jakob von Schenna saß ihr gegenüber. Zu ihren Häupten an den Wänden schritten die bunten Ritter.

Es tat wohl, die müde, gescheite Stimme Schennas zu hören. Seine hellen, klugen, reinlichen, phrasenlosen Sätze waren wie ein laues Bad. Der Markgraf hatte ihn in seine Dienste ziehen wollen. Doch Herr von Schenna hatte die diplomatischen Würden, die goldenen Ehrenketten seinen Brüdern Petermann und Estlein überlassen, er selber war wohl bereit zu raten; doch ein Amt nahm er nicht an.

Er sprach vom Markgrafen, wie häufig. „Nein,“ sagte er, auf die gemalten Ritter weisend, „von diesen hat er nichts. Wenn er einen Wald sieht, denkt er nicht an ein Ungeheuer, das darin sein könnte, auch nicht an eine Dame, die ein Riese hütet und die zu befreien wäre. Er überlegt, wie groß der Holzwert des Waldes ist, ob es lohnt, das Holz in die nächste Stadt zu schaffen, dort den Wohnungsbau zu fördern. Die Zwerge hat der Markgraf nie gesehen; sie werden auch nicht zurückkehren, solange er regiert. Auch wird er mit König Johann nie konkurrieren. Es wird ihm nichts daran liegen, achtzehn oder zwanzig Turniersiege im Jahr zu behaupten, die modischste Rüstung zu haben, möglichst oft in Paris zu sein. Aber darauf sehen wird er, daß sein Name selten in der Korrespondenz des Messer Artese aus Florenz vorkommt, daß die Kaufleute ihre Transporte in Sicherheit führen können, daß in den Städten feste, redliche Behörden sitzen.“