Überlas das Geschriebene. Stak in all dem nicht doch ein bißchen Eitelkeit? Er war fromm, Eitelkeit war Sünde. Er wird büßen. Er sammelte leidenschaftlich Reliquien: Dornen aus der Krone Christi, Kleider, Schädel, Arme von Heiligen. Aus Pavia hat man ihm die Überreste des heiligen Veit angeboten. Der Heilige war viel zu teuer. Er wird, zur Buße, diese Reliquien trotz der Übervorteilung erstehen.
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Vor Margarete stand ein kleiner, fetter, zappeliger Mensch, war sehr unterwürfig, sprach gaumig glucksend. Nannte sich Mendel Hirsch. War Jude. War während der Verfolgungen durch die Brüder Armleder aus dem Bayrischen nach Regensburg geflohen, dort von der Bürgerschaft geschützt worden. War aus den hundertundsiebenundzwanzig Gemeinden, in denen damals die Juden erschlagen worden waren, einer der wenigen Entkommenen. Jetzt hatte er einen Schutzbrief des Kaisers, vorsichtshalber auch einen des Gegenkönigs Karl.
Die Herzogin hatte niemals einen lebendigen Juden aus der Nähe gesehen. Aufmerksam, mißtrauisch, leicht angewidert, beschaute sie den dicken Mann, der in braunem Rock und spitzem Hut vor ihr herumagierte, rasch sprudelnd, gurgelnd, possierlich zappelnd. So also schauen die aus, die Hostien schändeten, unschuldige Kinder gräßlich marterten, das von Gott verfluchte Geschlecht, das Gott gemordet hat. Sie hat oft von den fremden, unheimlichen Menschen gehört, erst unlängst, anläßlich der letzten Judenmetzeleien, mit dem Abt Johannes von Viktring eingehend darüber gesprochen. Der hatte die Verfolgungen weder gutgeheißen noch sie mißbilligt. Es erfüllte sich eben an dem geschlagenen Volk die uralte Verwünschung, die es sich mit eigenen Lippen herabgeflucht: „Sein Blut über uns und unsere Kinder!“ Der Abt zuckte die Achseln, zitierte einen antiken Klassiker: „Weh Unseligem mir! Viel fürcht’ ich, weil viel ich verbrochen.“
Margarete fand diese Lösung ein bißchen zu einfach. Gewiß, ein Mann, der so eine Judenverfolgung anfachte, mochte aus Eifer für die Sache Gottes handeln. Vielleicht. Sicher war, daß er viel daran verdiente. Denn gab es ein probateres Mittel, den jüdischen Gläubiger loszuwerden, als ihn totzuschlagen? Warum, wenn es nützlich und gemäß war, sie zu vertilgen, setzten sich just die weisesten geistlichen und weltlichen Herrscher für sie ein? Die Gesetze des zweiten Hohenstaufenfriedrich, die Bullen des vierten Innozenz bewiesen eine sehr andere Auffassung als die ihres wackeren Abtes. Und der jetzt regierende Klemens – er war ihr Feind, aber verflucht gescheit – warum stellte sich der so breit und schützend mit Bullen und strengen Gesetzen vor sie hin?
Sie schaute auf den kleinen Mann, der sich vor ihr abarbeitete. Er erzählte von dem Jämmerlichen, was er durchgemacht. Wie man seine Leute in ihre Bethäuser zusammengetrieben und verbrannt habe, andere in Säcke gesteckt, mit Steinen darin, und elendiglich im Rhein ersäuft, wie man sie verstümmelt, gemartert, erwürgt, Frauen vor den Augen ihrer angepflockten Männer geschändet, aufgespießte Kinder wie Fahnen aus den Fenstern brennender Häuser gehängt habe. Er erzählte das hastig, mit vielen saftigen Einzelzügen, gestikulierend, seine bunten, gurgelnden Worte überkugelten sich, er lächelte entschuldigend, anklagend, resignierend, streute spaßige Sätze in seine Erzählung, rief Gott an, strähnte nervös seinen mißfarbenen Bart, wiegte den Kopf. Die Herzogin hörte ihm schweigend zu; in einer Ecke hockte Herr von Schenna, in schlechter Haltung, betrachtete aufmerksam den kleinen, eifrigen, possierlichen Mann.
Mendel Hirsch bat, sich in Bozen niederlassen zu dürfen. Er war auf dem Weg nach Livorno zu Glaubensgenossen. Aber jetzt, beim Anblick der aufblühenden Städte und Märkte Tirols, war ihm beigefallen, hier sei besserer Boden, neuerer. „Transithandel, gnädigste Frau Herzogin!“ sagte er. „Transithandel! Messen! Märkte! Hier führten die großen Straßen von der Lombardei nach Deutschland, von den slawischen Ländern in die romanischen. Warum sollten Trient, Bozen, Riva, Hall, Innsbruck, Sterzing, Meran schlechter sein als Augsburg, Straßburg?“ Schon seien die Bischöfe von Brixen und Trient geneigt, Juden in Schutz und Privileg aufzunehmen. Er werde mit gnädiger fürstlicher Erlaubnis den Handel hier rasch hochbringen. Geld ins Land, viel Geld, großes Geld. Er verfüge über Kapital in beliebiger Höhe. Bediene kulanter als die Herren in Venedig und Florenz. Er werde Wein, Öl, Holz exportieren; Seide, Pelzwerk, Schwerter einführen, spanische Wolle, Juwelen, maurische Goldarbeit; aus dem slawischen Osten Felle, vor allem auch Sklaven. Die brauche man hierzulande nicht? Man habe genügend leibeigene Bauern? Nicht? Also nicht. Aber Glas, das brauche man doch, sizilianisches Glas, er habe ausgezeichnete Verbindungen. Und gefärbtes Tuch brauche man auch. Und Zimt, Pfeffer, Gewürz. Er werde schon machen. Man möge ihn nur machen lassen.
Margarete sagte, sie werde seine Bitte in Erwägung ziehen. Als er fort war, überlegte sie mit Schenna. Dem gefielen die Projekte des Juden sehr. Gewiß solle man ihn hereinlassen, ihn zu halten suchen. Das sei die neue Zeit, das bringe Leben ins Land. Beim Turnier freilich werde Herr Mendel Hirsch keine gute Figur machen, die Barone, wohl auch die Bürger, würden die Stirn runzeln. Aber just wegen dieser faulen Überheblichkeit solle man dem trägen Volk den raschen, beweglichen Mann in den Pelz setzen.
So kam also der Jude Mendel Hirsch nach Bozen. Er kam mit einem Gewimmel von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Schwiegertöchtern, Enkeln; auch drei Säuglinge waren dabei und eine uralte, mummelnde Großmutter. Das kribbelte mandeläugig, flinkfüßig, vielwortig durch die Straßen Bozens, beschaute die bunten, stattlichen Häuser, Mauern, Tore, Plätze, Menschen, schätzte ab, urteilte mit raschen, lauten Worten und Gesten.
Man kann nicht sagen, daß die Bozener Bürger den Juden Mendel Hirsch gerade begeistert aufgenommen hätten. Es bedurfte vielmehr erst der strengen Vermahnung des Markgrafen – der wie sein Vater, der Kaiser, die Juden als städteförderndes Volk schätzte und begünstigte –, bis sie ihm überhaupt nur Unterkunft gewährten. Und auch dann behandelten sie ihn denkbar grob und mißtrauisch, riefen die Kinder von den Straßen, wo er ging, wischten sich die Ärmel, wenn sie ihn angestreift, riefen ihm Schimpf- und Spottworte nach, bewarfen ihn hinterrücks mit Kot. Der kleine, fette, bewegliche Mann tat, als sehe und höre er nichts, putzte sich ab, wenn man ihn besudelte, lächelte, strähnte sich den verfärbten Bart. Trieb man es zu arg, wiegte er den Kopf, machte: „Nu, nu!“ Er blieb immer gleich unterwürfig, kam wieder, wenn man ihn davongejagt hatte. Kaufte sich ein Haus, noch eines, ein drittes. Waren kamen für ihn, stapelten sich, fremdartige, schöne, in einer Fülle, wie man sie nie gesehen, nicht zu teuer. Er kaufte, was man ihm anbot, prüfte rasch, sicher, hatte immer Geld, zahlte bar. Die eingesessenen Kaufleute machten scheele Gesichter, die übrigen Bürger gewöhnten sich an den Juden, schimpften wohl noch, aber mehr aus Gewohnheit, ohne Überzeugung.