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Karl von Luxemburg, der Deutsche König, hatte sich, verwundet, aus jener Schlacht gerettet. Der König von England, der immer gern und stolz betonte, wie ritterlich seine Kriegführung sei, hatte ihm die Leiche des Vaters mit ehrenvollem Geleite übersandt. Nun stand Karl vor den scheußlich verstümmelten Resten. Er hatte den Vater nie geliebt. Der alte Verschwender, der in so launischem Zickzack über die Erde gefahren war, der so toll und übermütig mit seinen Kronen gespielt hatte, statt sie zu wahren und zu festigen, hatte sein Erbe schwer gefährdet. Immerhin, es waren Rechte, Titel, Länder auf allen Seiten erworben. Er wird sich nicht verzetteln, er wird nicht überflüssig prahlerisch alles zu halten suchen; er wird zusammenstücken, runden. Nur auf die Sache sehen, nicht auf äußeren Glanz.

Da lag nun dieser König Johann, sein Vater. Er war ein Ritter gewesen, der erste Ritter der Christenheit; er hatte groß geglänzt, nun lag er da, ein Haufe scheußlich verstümmelten, verwesenden Fleisches. Er hatte gelebt für nichts, er war gestorben für nichts. Er hatte über Kirche, Priester, Heilige gelacht und die Welt nicht unter seine Sohle gezwungen, hatte weder den Himmel erworben, noch die Erde. „Schlaf’ in Frieden, Vater! Ich werde anders sein wie du.“

König Karl ließ das Herz ausnehmen, die Fleischteile in siedendem Wasser von den Knochen lösen. Überführte die Gebeine in das heimatliche Luxemburg, ließ sie feierlich neben tiefverehrten Reliquien beisetzen. Dann ließ er – Aachen hatte seine Tore gesperrt – sich in Bonn als Deutscher König krönen, in Prag als Böhmischer. Kaiser Ludwig hielt jetzt, nach der Niederlage der Franzosen, die richtige Zeit für gekommen, an den Gegenkönig eine schwungvolle Protestnote zu richten. Er forderte ihn in großen Worten auf, von seinem Gebaren abzustehen und sich ihm, dem Stärkeren, zu unterwerfen. Karl antwortete im gleichen Stil, seine Stärke bestehe nicht in Kriegsheeren, sondern in dem großen Alliierten: Gott.

Fürs erste aber sah er sich nach irdischen Alliierten um. Unterhandelte mit Ungarn, mit dem lahmen Albrecht. Karl hatte für sich Legitimität, Titel, Kirche, Religion, Sympathien, Ludwig die Macht. Ihre Länder grenzten aneinander; beide aber waren sie wägend und bedacht und verhüteten, daß hier Krieg losbrach. Der findige, anschlägige Karl glaubte vielmehr, die schwache Stelle des Wittelsbachers ganz woanders herausgefunden zu haben: in Tirol.

Hier hatten die Bischöfe von Trient und Chur, denen Markgraf Ludwig verhaßt war, unablässig gewühlt und gezettelt. Die Feudalbarone, knirschend gegen die Brutalität und die Rechenhaftigkeit der Wittelsbacher, warteten nur darauf, die Luxemburger zurückzurufen. Auch die großen lombardischen Stadtherren, die Carrara, Visconti, della Scala, Gonzaga, sahen die bedrohliche Nachbarschaft Kaiser Ludwigs mit tiefer Besorgnis. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders vereinigte geschickt die Interessen dieser drei Oppositionsparteien. Er selber war Landeshauptmann von Tirol, der Markgraf begünstigte ihn, hielt ihn für zu gefährlich und zu einflußreich, mit ihm anzubinden. Allein der elegante Herr hatte feine Witterung; er spürte sehr gut, wie unsympathisch er dem Markgrafen war, wie der immer mehr Befugnisse seinem brutalen Freund, dem Konrad von Teck, und den anderen schwäbischen und bayrischen Herren übertrug.

Er sandte Botschaft an König Karl. Kuriere, immer dringendere. Die Truppen der Bischöfe stünden zu seiner Verfügung, die lombardischen Söldner, die Kontingente der Barone. Karl entschloß sich. Die Gelegenheit konnte nicht besser kommen. Markgraf Ludwig kämpfte hoch im Norden, in Preußen. Möge er sich Ruhm gegen die Heiden erwerben. Tirol jedenfalls hatte weder Truppen, noch seinen Herrn.

Es kam über Karl etwas von dem abenteuerlichen Geist seines Vaters. Heimlich brach er auf, von drei Vertrauten begleitet, alle vermummt, als Kaufleute reisend mit lombardischen Pässen. Reiste im schärfsten Frost, auf verschneiten Bergpfaden. Stand unerwartet in Trient. Feierliches Hochamt im Dom. Karl in kaiserlichem Ornat. Die Insignien freilich, Reichsapfel, Zepter, Schwert, leider nur Ersatz; die echten hielt der Wittelsbacher in strenger Hut. Glocken, Weihrauch. „Gloria in excelsis,“ sang mit seiner fanatischen Stimme der finstere Bischof Nikolaus, sangen die Knaben. Karl hielt Parade ab: die Truppen des Bischofs Nikolaus, der italienischen Städte, des Bischofs von Chur, des Patriarchen von Aquileja, zahlreicher südtirolischer Barone, seines Bruders Johann, des rachgierigen. Mächtig brach er auf, nahm Bozen, nahm Meran. Lagerte dick und gewaltig vor Schloß Tirol.

Hier war Margarete allein auf sich angewiesen. Der Markgraf und Konrad von Teck waren fern in Preußen, der Landeshauptmann Tägen von Villanders ließ sich nicht auffinden. Die Unterführer zögerten, verwiesen, fragte man sie: Ist die Burg zu halten? auf Gott, wälzten alle Entscheidung stets wieder auf Margarete zurück. Immer dichter und enger schloß sich der Kreis der Belagerer.

Margarete ging herum in grimmiger Ruhe. Ihr Gatte Johann, der kleine, tückische Wolf, war vor dem versperrten Tor gestanden, und sie hatte ihn nicht hereingelassen. Jetzt kam er mit Gewappneten und Geschwadern und allem Pomp des Kriegs, sich den Eingang zu erzwingen. Sie hatte aus ihrer Vernichtung die Trümmer leidlich wiederzusammengestückt, hatte sich eine Ehe aufgebaut, hatte ihr Land und ihr Leben einigermaßen wieder in Ordnung und Fug gebracht. Es war nichts Großes, Schönes, Leuchtendes. Es war ein armseliges, mitgenommenes Stück Leben, Flickwerk hier, hier Ersatz, dort Lücke und Verzicht. Aber es war wohlerworben, war gerettet aus Schlamm und Nichts, war umzäunter, gesicherter Besitz. Und nun kamen jene Erbärmlichen ein zweites Mal und wollten es ihr entreißen! Oh, sie wird es dem geduckten, hintertückischen Karl zeigen und dem Johann, dem boshaften, lauersamen Wolf.