Einmal ging sie im Mittag allein spazieren, am Ufer der Passer, legte sich unter Felsen, ruhte, nickte ein. Da weckte sie eine hohle, feine Stimme. „Grüß’ Gott, Frau Herzogin!“ Sie fuhr auf, sah ein winziges, kleines, behaartes, bebartetes Wesen im Geklüfte stehen, sich mit raschen, zutraulichen, possierlichen Bewegungen viele Male neigen, verschwinden. Ein Zwerg! Die Zwerge waren wieder im Land! Die Zwerge, die nur kamen, wenn sie sich sicher fühlten, die nur dem wirklichen Fürsten sich zeigten, waren ihr sichtbar. Jetzt war sie in Wahrheit die Herrin des Landes in den Bergen.

König Karl verließ bald, nachdem er die Belagerung von Schloß Tirol aufgegeben hatte, das Land in den Bergen. Mit mancherlei Reliquien, aber sonst geringem Gewinn. Er verfehlte nicht, auf seinem Rückzug vor allem noch die Grafen von Görz gegen den Brandenburger aufzustacheln; auch verlieh er, dem Beispiel seines Vaters folgend, an Fürsten und Herren viele tirolische Städte und Gerichte, die er nicht besaß, so dem Wittelsbacher immer neue Feinde aufwühlend.

Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er für die Mißerfolge in Tirol bald reichlich entschädigt durch eine unerwartete Wendung im Kampf um das Reich. Ganz plötzlich, auf einer Bärenhatz, in der Nähe seiner Hauptstadt München, starb Kaiser Ludwig, der Wittelsbacher. Ein Schlaganfall warf den vollblütigen Mann vom Pferd, eine alte Bäuerin drückte ihm die riesigen, treuherzigen, blauen Augen zu, Mönche führten die Leiche heimlich fort, sie trotz Bann und Interdikt geweiht und heilig zu bestatten.

Da stand nun Karl von Böhmen, und sein Feind, der die weiten Länder unter sich hatte und dem die Städte anhingen, war tot. Die Heiligen hatten geholfen. Er, Karl, stand jetzt, da das Jahrhundert sich scheitelte, als unbestrittener Deutscher König ohne Nebenbuhler.

Er war des Streites mit den Wittelsbachern müde, sie des Streites mit ihm. Der lahme Albrecht vermittelte. Karl verzichtete gleichwie sein Bruder Johann auf Tirol und Kärnten, belehnte den Markgrafen mit diesen Ländern, versprach, die Kurie mit ihm auszusöhnen. Die Wittelsbacher dagegen erkannten ihn als Deutschen König an, leisteten ihm Huldigung, lieferten ihm die Reichskleinode aus.

Die Reichskleinode! Karl hatte sich schmerzhaft danach gesehnt. Er besaß so viele teure Reliquien, nicht diese kostbarsten Zeichen der Macht, die ihm gehörte. Er hatte sich und seine Würde nackt und bloß gefühlt, solange er sie nicht besaß und sich mit nachgemachtem Zeug begnügen mußte. Jetzt führte er die süßen, werten Dinge in feierlichem Zug nach Prag in seine Schatzkammer. Die heilige Lanze war darunter, auch ein Nagel von der Kreuzigung, sowie ein Arm der heiligen Anna. Vor allem aber das altertümliche Zepter, der Reichsapfel von hellem, blassem Gold, die zackige Krone, das Schwert, das Karl dem Großen durch einen Engel gegen die Heiden geschickt worden war. Im Dom von Prag ließ der König die Kleinode weihen. Dann brachte er sie selbst in das Schatzgewölbe. Da lagen sie nun unter den bleichen Knochen der Märtyrer, unter Juwelen, unter kostbaren Büchern und Bildern, unter Akten und Verträgen, unter heiligen Spießen, Dornen von Christi Krone, Splittern von Christi Kreuz. Der hagere König stand davor, lächelte mit schmalen Lippen, streichelte mit der mageren, knochigen, bräunlichen Hand die Zinken der Krone, die merkwürdigen Kanten des unregelmäßigen, keineswegs runden Reichsapfels, das stumpfe, rostige Schwert des großen Karl, des Ersten seines Namens.

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Agnes von Taufers-Flavon kam selten auf ihre tirolischen Güter. Auch ihre jüngere Schwester hatte sich mittlerweile vermählt, mit einem Herrn von Castelbarco, der politisch sehr zweideutig war, zwischen dem Bischof von Trient, gewissen italienischen Stadtherren und dem tirolischen Hof hin und her pendelte, im übrigen außerordentlich reiche Pflegen und Privilegien besaß. Agnes reiste viel, lebte häufig bei ihrer älteren Schwester in Bayern, bei ihrer jüngeren in Italien. Man hatte sie nach der Austreibung Herzog Johanns nicht weiter behelligt; in allen Fragen, die zwischen ihr und der markgräflichen Verwaltung strittig sein konnten, gaben auf ihre kluge Weisung ihre Amtsleute nach, ehe es zu Streitigkeiten kam. Sie ging zu Hofe nicht öfter, als es der Anstand erforderte, vermied es peinlich, aufdringlich zu erscheinen.

Sie war jetzt von erregender, bewußter, fast beängstigender Schönheit. In Italien legte man ihr Städte und Fürstentümer zu Füßen, schlug sich tot für sie. Selbst die plumpen Bayern schnalzten mit der Zunge, klatschten sich die Schenkel, erklärten: ah, da lege man sich nieder, begingen Dummheiten für sie. Sie schritt liebenswürdig mit kleinem, vieldeutigem Lächeln durch die Huldigungen, Kämpfe, Selbstmorde.