Unter dem Gekreisch und Gewieher hatte man die Herzogin nicht bemerkt. Still war sie mit ihrer Kerze im Schatten der halbgeöffneten Türe gestanden. Jetzt, langsam, zog sie die Türe zu. Ging. Schleppte sich über die Korridore. Zurück vor das Dokument.
Breitete die Urkunde vor sich hin. „Wir Margarete, von Gottes Gnaden Markgräfin –“ Das Pergament knisterte. Sie tunkte die Feder ein, umständlich, unterschrieb.
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Der lahme Albrecht saß in seiner Burg in Wien, in Schlafrock und Decken. Nebenan lag auf einem Tisch unter andern Papieren die Urkunde Margaretes. Sein Sohn Rudolf war da, der Bischof von Gurk, der uralte Abt Johannes von Viktring. Der betagte Herzog hatte die letzte Ölung empfangen; er wußte, daß er in wenigen Stunden verlöschen werde. Er saß in seinem Lehnstuhl, fror trotz der Decken in dem überheizten Zimmer, fühlte mit fast wohligem Schmerz, wie langsam das Leben aus ihm herausrann. Sah im übrigen wie stets klar, ruhig, mit einer gewissen heiteren Bitterkeit.
Rudolf fragte das drittemal, ob er nicht die anderen Brüder beschicken solle. Sein festes Gesicht, blond, bräunlich, nicht hohe, eckige Stirn, Hakennase, starke Unterlippe, blickte ernst, sachlich, selbstbewußt, unsentimental. Der Lahme lehnte zum drittenmal ab. Die Jungen hatten zu tun, sein Sterben sollte sie nicht stören.
Er atmete still, die ungelähmte Hand öffnete sich, schloß sich, öffnete sich. Er hatte ein gutes Leben gelebt, soweit ein menschliches Leben gut sein kann. Es war Mühe und Arbeit gewesen. Es war Erfolg gewesen. Er hatte sich gefördert und seine Länder gefördert. Er war mit sich in Frieden, er war mit den Menschen in Frieden, er war mit Gott in Frieden.
Sein Sohn Rudolf erbte ein gutes Erbe. Schön war es und eine Gnade Gottes, daß er das Dokument noch zu sehen bekam, das ihm Tirol sicherte. Jetzt war alles geschlossen, von Schwaben bis Ungarn geschlossenes habsburgisches Land. Gut und christlich regiert, in Ordnung und Fug. Seine Söhne gescheite, feste Männer. Er weiß schon, warum er sie nicht mit seinem Sterben inkommodiert.
Da fährt er also hin, der Letzte von den dreien. Der Luxemburger, der Johann, ist einen albernen Tod gestorben, einen dummen, ritterlichen Tod auf einem Schlachtfeld, das ihn nichts anging. Der Bayer, der Ludwig, ist einen unvorbereiteten, leichtfertigen Tod gestorben, auf der Jagd, mitten zwischen schwankenden, ungeordneten Geschäften, einen unentschiedenen Tod ohne Richtlinien und Gesicht, einen Tod, so halb und blöde und nichtssagend wie sein ganzes Leben. Er, Albrecht, hat sich niemals Römischer Kaiser genannt, hat nie nach der Römischen Krone gestrebt, hat sie nicht gehabt und hat sie nicht gewollt. Aber wenn man es recht erwägt – er lächelte ein mildes, listiges Lächeln – war immer er der Mächtigste gewesen von den dreien, der eigentliche Schiedsrichter der Christenheit, und immer war geschehen, was er gewollt hatte.
Er fühlte sich jetzt schrecklich müde. Rief – es verwehte heiser – nach Rudolf. Der wandte sich schnell ihm zu. Der Lahme tastete mit der gesunden Hand nach der des Sohnes. Sie fiel herunter, ehe sie den Sohn erreichte. Auch der Kopf sank vornüber.
Rudolf stand gerafft, fest. Jetzt war er das Haupt der Habsburger, der mächtigste Mann unter den Deutschen. Der Bischof von Gurk betete. Der uralte Abt Johannes von Viktring strich mit der dürren, braunen Hand über das Pergament Margaretes. „Aufgerichtet hab’ ich ein Denkmal dauernder als Erz,“ zitierte er murmelnd einen antiken Klassiker. Dann schlurfte er zu Albrecht hinüber. Sah, daß er tot war. Riß sich zusammen, streckte sich, schwankte, stand. Machte seine Stimme so fest wie möglich. Setzte mehrmals an, verkündete: „Defunctus est Albertus de Habsburg, imperator Romanus.“ Der Bischof und der Fürst sahen sich an; nie hatte der Tote diese Würde gehabt, nie sie angestrebt. Der Uralte wiederholte, mit Anstrengung, schwankend, feierlich: „Gestorben ist Albrecht von Habsburg, Römischer Kaiser.“ Dann sank er in sich zusammen, schlurfte zurück zu dem Tisch, bekreuzte sich, mummelte.