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Die Minister baten Margarete dringend, sie möge die Gräfin begnadigen. Nach diesem Prozeß werde sie sich hüten, weiter gegen Tirol zu intrigieren. Unter keinen Umständen dürfe die Herzogin jetzt etwas gegen Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert seien. Auch verhinderten die Minister, daß von der ganzen Angelegenheit, Gefangennahme, Prozeß, Verurteilung, das leiseste Gerücht ins Land drang.
Schenna stellte Margarete vor, daß das Volk niemals Schlechtes von Agnes glauben werde, daß sie allen nur denkbaren fanatischen Haß gegen sich heraufbeschwören werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, daß man von Mord und Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden. Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie, sie möge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der Bestattung Meinhards.
Sie sagte still: „Es geht nicht, Schenna. Der Streit muß ausgetragen sein, Schenna.“
Der Frauenberger saß allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein Bursche, schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuß, hieß ihn das Feuer schüren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. Überlegte scharf. Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als Hochverräterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen, das Regiment der Barone sich halten ließ. Tat man der Maultasch nicht den Willen, dann wird sie, zäh wie sie war, immer wieder darauf zurückkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genießen können. Was also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach. Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Quäkte. Schlief.
Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgeräumt, froh über sein Kommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt nicht mehr über Langeweile beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genüge. Heute ihn, gestern die Maultasch. Ja, log er – Margarete hatte ihm natürlich nichts gesagt –, er habe gehört, die Damen hätten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn leicht mißtrauisch an. Er blinzelte, begann sich über Margarete lustig zu machen. Er hatte süßen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den Polstern, ihre weiße, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er machte ihr den Hof. Sie fühlte sich vergnügt, beschwingt. Der Schnaps, den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg rasch zu Kopf. Er hatte sie überlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie hätte diese Niederlage nicht missen mögen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte.
Sie lag in den Polstern, angenehm erschöpft.
Wie niedrig die Zimmer waren in Schloß Tirol. Die Decke kam herab. Immer tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie erdrückt einen ja. Sie lachte unmäßig. Oder war das ein Röcheln?
Der Frauenberger blinzelte herüber, wartete. Beobachtete sachverständig. Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wälzte, wieder auf den Rücken, wie sie lachte, schnappte, röchelte, sich verzerrte, mit den Armen um Luft ruderte, seitwärts vom Polster glitt.
Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Gräfin von Flavon sei gegenstandslos, da die Gräfin, wohl infolge der Aufregung, soeben an einem Schlaganfall verschieden sei.