Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich freuen müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit seinem häßlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig hängenden Kleidern sah er sehr jüdisch aus und roch nach Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr es ihn reizte, unterdrückte jede solche Bemerkung, er rieb sich fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf, strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.
Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines, goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der dickliche Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der milde, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in seinem Kaftan schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen sie die Tote aus dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen, durch den Wald, an den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer, sie nahmen ihnen die leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie weiter, und nach einer halben Meile warteten wieder andere, und aber nach einer halben Meile wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß Oppenheimer durch das Land und über die Grenze und bis nach der Stadt Frankfurt. Und der kleine Sarg rührte nicht den Boden, fuhr auch in keinem Wagen, von einer lebendigen Schulter auf die andere lebendige Schulter glitt er, bis in die Stadt Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr ein großer Karren. Und es standen viele Juden an der Straße des Sarges, und wenn der schweigende, karge Zug vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter!“ Und sie streuten jeder eine Handvoll Erde in den Karren, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Sie war bestimmt für das eigene Haupt und den eigenen Sarg; aber sie streuten sie in den Karren und gaben sie gern. Auf daß bestattet werden könne ganz in heiliger Heimaterde das Kind Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef Süß Oppenheimer, der gerettet hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.
In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß im Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank der kleine Sarg in die Erde Zions, und die Erde Zions überdeckte den kleinen Sarg. Und inmitten der schweigenden Tausende sprach Süß mit ausgetrockneter, klangloser Stimme das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens. Und sie rissen Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Und dann wuschen sie die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof.
Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs wurde gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für die Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers und Herrn.
Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die Arbeit. Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt, riß alles an sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches lag. Fort warf er die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit. Mit einem maßlosen, finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine ganze Umgebung, ließ die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus ihm eine düstere, grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin menschliche Würde, Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter, spielerischer Laune zwang er die Abhängigen zu immer neuen, überflüssigen Demütigungen, und standen sie entblößt, ihr bißchen Menschtum abgetan und zerfetzt, dann verhöhnte er sie mit stillem, nacktem Hohn und weidete seine abgründige Menschenverachtung an ihrer kriecherischen Geduld.
Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen Kassen. Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den Herzog zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte, leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter, düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke, suchte auf jede Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen. Doch der schwieg.
Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen, und das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter strenger Perücke. Aelter war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie nun, herrisch, widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die wölbigen, fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich sogar voll beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl zuweilen ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein feindseliges, gelblich dunkles Feuer.
Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn; eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber schleppte, den Feind aller und von allen befeindet.
Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die Stelle, wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in nagender, kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.
Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie. Eine Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen träumten die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen? Sie atmeten, plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu, die Schenkel. Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.