Die Stute Assjadah fiel ab, so gut sie gehalten wurde, seitdem sie nicht mehr die Hand ihres Herrn spürte. Der Major Röder wollte sie haben, und der Portugiese sagte sie ihm zu. Doch Nicklas Pfäffle verhinderte es. Das Angebot des Majors war plötzlich überboten; ehe der Major sich rückäußern konnte, war das edle Tier dem fremden, unbekannten Käufer überlassen worden, und Herr von Röder, dessen Lied: Halt! oder stirb entweder! noch immer in aller Munde war, mußte sich dem stets enthusiasmierten Volk auf seinem alten Fuchs zeigen. Die schöne Morgenländische tauchte dann bei der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin auf, wo der Schwarzbraune sie wartete. Später in starker Geldnot mußte die Demoiselle sich ihrer entäußern. Sie verkaufte sie an einen reichen Moslem, und die Stute Assjadah verschwand wieder nach dem Osten, aus dem sie gekommen war.

Auch den Papagei Akiba, der „Ma vie pour mon souverain!“ rief und: „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ entzog Nicklas Pfäffle den Händen des gierigen Siegers. Er selber brachte das Bauer mit dem Vogel nach Frankfurt zu Isaak Landauer, der einen dem Nicklas Pfäffle sympathischen Käufer ausfindig gemacht hatte. Der große Finanzmann empfing den Sekretär in dem dumpfen, schlecht gelüfteten Privatkontor seines häßlichen, schiefen, verwinkelten Ghettohauses. In unschöner, unbequemer Haltung saß er in seinem schmierigen Kaftan vor dem fetten, blassen Sekretär, beschaute gehässig den kreischenden Vogel, sprach schließlich: „Ich hab es ihm rechtzeitig gesagt: Was braucht ein Jud einen Papagei?“ Er strähnte mit den dürren Fingern hastig den rotblonden, verfärbten Ziegenbart, schickte schiefe, eilige, mißmutige Blicke herum. Nicklas Pfäffle schwieg. Aber dann blieben die Männer doch noch einige Stunden zusammen und besprachen sehr vieles, einsilbig und gleichmütig der eine, hastig, jammernd, drohend, anklagend, heftig, dringlich der andere.

Infolge dieser Unterredung machte sowohl Isaak Landauer wie Nicklas Pfäffle einige Reisen. Von Anfang an hatte die Judenheit für den gestürzten Finanzdirektor zu wirken gesucht. Jetzt wurde diese Tätigkeit organisiert. Bei den Ministern und großen Herren an den verschiedensten europäischen Höfen saßen jüdische Bankiers herum, besprachen den württembergischen Prozeß. Legten Gewicht nicht etwa auf die Person des Süß, auch nicht auf die üble Behandlung, die er leiden mußte. Betonten vielmehr, wie willkürlich und gegen römisches und deutsches Recht sowohl wie gegen die Landesgesetze dieser Prozeß geführt werde. Die vereidigten Beamten ließ man laufen, gegen den Privatmann und Nichtuntertan inquirierte man wegen Verrats an der Verfassung. Ein herzogliches Reskript war da, das ihn vor allen Verfolgungen durch Gesetzesakt schützte. Man setzte sich über diese höchste, heiligste Unterschrift hinweg und prozessierte um Majestätsverbrechen. War das Justiz? Hatte man Rechtssicherheiten, Garantien in einem solchen Staat? Konnte man verhandeln mit einer solchen Regierung, Geschäfte mit ihr abschließen? Gegen einen einzigen Gesetzesparagraphen hatte Süß sich vergangen. Er hatte – ei du Kriminalverbrechen! – mit christlichen Frauen geschlafen. Darum konfiszierte man sein Vermögen. Hieß das Recht? Hieß das Justiz? Konnte man solch einem Staat Kredit geben?

So ging es an allen Höfen. Man hänselte die württembergischen Gesandten, moquierte sich vor allem über die profitliche Staatsmoral, die das Schäferstündchen eines Privatmannes zur Deckung des Staatsdefizits ausnützte. Auch daß die Richter den Prozeß nur hinschleppten, um an den Diäten fett zu werden, wurde überall festgestellt. An jedem Beischlaf des Juden, hieß es, schnüffelten die Herren so lange herum, bis der einzelne seine tausend Taler verdient hätte.

Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog-Administrator, ihm über den Verlauf der Untersuchung zu referieren. Er sprach frank und geradezu. Wenn das so kontinuiere, verliere die schwäbische Justiz jedes Prestige. Man habe sich jetzt zur Genüge blamiert. Er brauche nicht zu betonen, daß er den Juden für eine schädliche Wanze ästimiere. Aber es gehe nicht an, einen Menschen in einem modernen Rechtsstaat derart physisch zu torturieren. Man möge endlich die Argumente zusammenstellen und zu Deduktion und Spruch schreiten. Es sei ein Skandal, daß man die anderen größeren Schelme habe aus dem Netz gelassen. Er begreife die politische Notwendigkeit solcher Milde; aber dann solle man sich wenigstens nicht durch überflüssig barbarisches Traktament des Juden weiter bloßstellen. Vornehmlich die Geschichte mit den Frauenzimmern, wie sie die Kommission betreibe, sei eine landesverderberische Sauerei. Der alte Jurist redete sich rot und heiß und gebrauchte starke Worte. Man müßte, gehe man nach dem nackten und längst entwesten Buchstaben des Gesetzes, auch die Weiber verbrennen. Daran denke niemand. Was also in Dreiteufelsnamen der ganze Handel solle. Es würden jede Nacht hunderttausend Weiber im Herzogtum beschlafen. Im Bett, eine Frau beschlafend, gefährde kein Jud und kein Ketzer die Sicherheit des Staates, der Religion und der Verfassung. Es wäre gut gewesen, der Jud hätte sich all seine Tag und Nächte nicht anders betätigt. Uebrigens wolle ihm der Jud, der sich keinen Namen entpressen lasse, nobler erscheinen als seine eifrigen Richter. Und man solle endlich aus dieser Sauerei Hände und Nasen herauslassen. Finster hörte der alte Regent zu. Harpprecht polterte nur klar und hart heraus, was er selber schon dumpf gespürt hatte. Pflicht! Gerechtigkeit! Und er gab Weisung, die Inquisition wegen der Weiber einzustellen. Etliche von den Frauen ließ er stäupen, die übliche Fuhre Mist durch die Stadt schleifen.

Den Süß befahl er nicht weichlich, aber als einen Menschen zu behandeln. Pedantisch genau befolgte der Major Glaser diese Instruktion. Nicht weichlich. Die Zelle des Juden maß nach wie vor nur fünfundeinenhalben Schritt, er wurde jeden zweiten Tag geschlossen, erhielt Fleisch nur des Sonntags, durfte nur einfachste Kleider tragen. Als einen Menschen. Das Verhör zwischen neun und zehn Uhr fiel fort, er bekam einen Tag über den andern Waschwasser, seine Zelle hatte Holzboden und eine Pritsche zum Schlafen.

Auf die Herren der Kommission wirkte die Ordre des Regenten. Auch wurde ihnen, trotzdem sie große Worte machten, bei der immer lauteren, klug geschürten Mißbilligung des Auslands unbehaglich. Es war wirklich nicht so ganz einfach, eine Verurteilung formal einwandfrei zu begründen. Daß Harpprecht und Schöpf nicht zustimmen würden, war gewiß; aber auch andere, vornehmlich die jüngeren Herren, wurden unsicher, bekamen Angst, sich zu blamieren. Der Lizentiat Mögling, der ehrliche Advokat, blühte auf. Er hatte das Gefühl, als sei die sanftere Behandlung des Süß und der Stimmungsumschwung einzelner Richter sein Werk. Zwar wurde ihm der Zutritt zu seinem Klienten immer noch erschwert, auch die Protokolle der Zeugenverhöre wurden ihm geradezu verweigert, so daß seine Defensionsschrift sachlich nicht recht weiter gedieh; aber formal feilte er sie immer schärfer durch, er setzte die Worte immer glatter und schöner, so daß er sich beruhigt sagen konnte, er verdiene seine Diäten mit Schweiß und redlich.

Voll Sorge und Erbitterung sah der Geheimrat Pflug, daß durch jüdische Machinationen die Verurteilung und Vernichtung des Süß ernstlich gefährdet und in Frage gestellt war. Sein trockener Fanatismus empörte sich, fraß ihm am Herzen, jagte ihn herum. Das Ziel war zu nahe gewesen; wäre es ihm nun doch entglitten, er hätte es nicht überwunden. Hager, bitter, besessen von seinem Zweck, keinem andern Argument zugänglich, saß er herum bei den Parlamentariern, die er als grimmigste Feinde des Süß kannte. Beriet unermüdlich mit Dom Bartelemi Pancorbo. Sparte nicht Geld, nicht Mühe. Flugschriften erschienen gegen den Juden, die Erbitterung des Volkes, daß die Mez, Bühler, Hallwachs so glimpflich davongekommen waren, wurde in ihrer ganzen Wucht gegen Süß gelenkt. Das Gerücht wurde ausgesprengt, auch Süß solle demnächst entlassen werden. Die Richter, von denen man annahm, sie würden milder sprechen, selbst der hochangesehene Harpprecht, wurden von allen Seiten bearbeitet, schließlich sogar im Wirtshaus belästigt. Es kam zu Rottierungen, Demonstrationen. „Der Jud muß hängen!“ gaben Herr von Pflug und Dom Bartelemi die Weisung aus. „Der Jud muß hängen!“ wetterte es im Parlament, von den Kanzeln. „Der Jud muß hängen!“ brüllte das Volk, sangen es in einem eingängigen, gassenhauerischen Rhythmus die Buben, konstatierten schwerfällig und überzeugt in den einsamsten Höfen die Bauern.

Durch solchen Druck erreichte Herr von Pflug, daß einzelne von den Richtern aus der Kommission ausschieden. An ihre Stelle traten persönliche Feinde des Süß, deren Votum sicher in seinem Sinn ausfallen mußte. Die früheren Minister Forstner und Negendank, die Süß gestürzt hatte; der unter Karl Alexander überall von Süß gehemmte kalte, glatte Ehrgeizling Andreas Heinrich von Schütz; ja, Herr von Pflug drehte es, daß auch der junge Geheimrat von Götz in das Kollegium berufen wurde, an dem Verderber von Mutter und Schwester Wut und Rache auszutoben.

Diese alle waren nun zu Richtern des Süß bestellt. In ihnen brannte Haß viel heißer als Geldgier, das Volk drängte auf endliches Urteil, und sie waren sehr bereit, diesem Drängen stattzugeben. Sie beschleunigten die Untersuchung. Die Anklageakte des Regierungsrats Philipp Heinrich Jäger legte dem Süß ungefähr alles zur Last, was unter Karl Alexander Uebles geschehen war, auch Dinge, von denen er unmöglich Kenntnis gehabt haben konnte. Machte ihn als einzigen voll verantwortlich für die Amtshandlungen sämtlicher Staatsbeamten von den Mitgliedern des Kabinetts bis zum letzten Subalternen. Die wackere Verteidigungsschrift des braven Lizentiaten Mögling wurde kaum gelesen. Haßblind setzten sich die Richter über den klaren Tatbestand hinweg, streiften in der Urteilsbegründung kaum die zahllosen Einwände, die sich gegen ihre Kompetenz erhoben und eine gesetzmäßige Verurteilung des Süß ausschlossen.