Indessen war auch der Prozeß gegen den General Remchingen seinem Ende entgegengeführt worden. Der Freiherr, Jesuit und österreichische Oberst wurde nicht so glimpflich behandelt wie die eingesessenen Hallwachs, Mez, Bühler, Lamprechts, Scheffer, er hatte keine Verwandten in der Kanzlei sitzen, er hatte alles Zivil als Federfuchser, alles Nichtadelige, besonders das Parlament, stets nur als Kanaillen, Rotüre, Populace traktiert und war sehr verhaßt. Man inquirierte also scharf und trug Material zusammen, das, wenn nicht zum Todesurteil, so zumindest zur Bestrafung mit lebenslänglicher Festungshaft genügte.
Nun war aber um diese Zeit der Vergleich Karl Rudolfs mit der Herzogin-Witwe über die Vormundschaft bis in alle Details fertiggestellt worden, auf eine für den Regenten sehr günstige Art, und unterlag zugleich mit dem Regierungsreglement für die Administrationszeit der Prüfung und Bestätigung der kaiserlichen Kanzlei. In solchem Augenblick durch harte Bestrafung des Katholiken und Oesterreichers den Wiener Hof zu reizen, schien höchst inopportun. So beschloß man, die Urteilsfällung hinauszuschieben, und ließ den General einstweilen frei, gegen Handtreue und Ehrenwort. Remchingen brach, wie erwartet, schnurstracks sein Ehrenwort, floh außer Landes, trat unter dem General Schulenburg in venezianische Dienste. Wurde in Kontumaz verurteilt, tat in mehreren Klageschriften an Kaiser und Reich, besonders in der „Innocentia Remchingiana vindicata“ oder „Notgedrungenen Ehrenrettung“ erbitterten Einspruch. Spie noch durch Jahre Kot, Gift und Galle gegen Württemberg.
Das Volk war empört über Remchingens Flucht. Nun waren alle Bluthunde ungestraft entkommen, saßen in Eßlingen, anderthalb Meilen entfernt, lachten sich den Buckel voll oder machten gar noch wie Remchingen Stank und Diffikultäten. Den einzigen Juden hatte man noch. Aber der wenigstens sollte büßen. Wieder waren die Geheimräte Pflug und Pancorbo vornean, schürten, zahlten Demonstrationen. Wilder, heftiger, drohender, drängender ging es durch das Land: „Der Jud muß hängen!“
So lagen die Dinge, als Harpprecht dem Herzog-Administrator sein Gutachten abstattete. Der rechtliche, wahrhaftige Mann ließ sein Urteil nicht trüben durch den Haß gegen den Juden, nicht durch das tobende Volk, das laut und wie mit Einer Stimme nach dem Tod des Juden brüllte, nicht durch die Gunst oder Mißgunst des Kabinetts und des Parlaments. Der Rechtslehrer urteilte: Die auf Verfassung und Amt vereidigten Räte und Minister, welche die angeklagten Befehle und Verordnungen signiert hatten, müßten prozessiert und gestraft werden, nicht der unvereidigte, in keinem Staatsamt stehende Ausländer. Jene seien nach römischem und deutschem Recht des Todes schuldig, dieser nicht. Einen einzigen Punkt ausgenommen, den fleischlichen Verkehr mit Christinnen. Und dieser Punkt könne aus mancherlei Ursach ernsthaft nicht herangezogen werden, auch habe ihn die Kommission gar nicht erst in ihre Entscheidungsgründe aufgenommen. Er kam zum Schluß, auf Grund der bestehenden Gesetze des Römischen Reichs und des Herzogtums könne Inquisit zum Tod nicht verurteilt werden; man solle ihm seinen Raub, soweit er erwiesen sei, abnehmen und ihn des Landes verbannen.
Klein, schäbig, schief saß der eisgraue, verwitterte Herzog und hörte aufmerksam dem schweren, treuen, sachlichen Mann zu. „Er vermeint also,“ sagte er schließlich, „die Kommission hat den Juden mehr als den Schelmen verurteilt?“ „Ja,“ sagte Harpprecht. Draußen pfiff einer den Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der alte Regent hielt die Lippen hart geschlossen. „Ich wollte, ich könnte tun nach Seinem Rat,“ sagte er endlich. Damit entließ er den Juristen.
Andern Tages unterzeichnete er das Todesurteil. „Besser, der Jud wird zu Unrecht erwürgt,“ sagte er, „als er bleibt zu Recht leben und das Land gärt weiter.“ Auch sagte er: „Das ist ein seltenes Ereignis, daß ein Jud für Christenschelmen die Zeche zahlt.“
Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, über verwinkelte Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem ungefügen Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der alten, verzärtelten Dame beschleunte sich das Herz, Mauern überall und klobige Waffen, ein großer, beklemmender, bedrohlicher Apparat. Der Korporal stapfte mit raschen Schritten voraus, sie konnte nur mit Mühe folgen und kam außer Atem, aber sie wagte nichts zu sagen. Endlich knarrte rasselnd eine niedrige, häßliche Tür auf. Sie schaute, schnaufend, in ein kahles Geviert, da saß auf einer Pritsche ein alter Mann, den Rücken krumm, schlaff und übel verfettet, mit schmutzig weißem, ungepflegtem Bart, und summte und döste vor sich hin mit einem abwesenden, törichten Lächeln. Sie sagte zaghaft zu dem Korporal: „Nicht zu dem, guter Mann; ich will zu Josef Süß.“ Der Korporal sagte übellaunig: „Das ist doch der Jud, Frau.“
Angefüllt von tiefem, kältendem Schrecken schaute Michaele Süß auf den eingesperrten Mann, der ihr jetzt langsam das Gesicht zuwandte, die braunen, blinzelnden, etwas entzündeten Augen. Der Korporal verschloß draußen umständlich rasselnd die Türe. Das ihr Sohn! Der häßliche, verwahrloste Mann, älter als sie, ihr strahlender Sohn! Oh, es war nichts mehr, nicht die leiseste Spur mehr war vom Heydersdorff in ihm, viel eher, merkte sie mit Grauen und Neugier, glich er trotz des Bartes dem Rabbi Gabriel. Sie beschaute ihn scheu, voll Grauen, sie spürte nichts von dem früheren fressenden, schmerzhaften Mitleid, sie spürte, wie er aus ihr glitt, wie sie leer wurde, es war ein fremder, schmutziger, verwahrloster Mensch, mit dem man, versteht sich! Bedauern haben mußte, denn er war eingesperrt und es ging ihm schlecht und zudem war er ein Jud. Aber sie hatte sich schon wieder verkapselt und ihr Inneres war umkrustet. Sie stand, eine fremde, elegante Dame, verlegen vor dem ungepflegten, in den Schmutz gerutschten Mann.
Als sie dann redeten, fand sie kein echtes Wort mehr. Er sprach mild zu ihr, mit einer leichten, überlegenen, fast scherzenden Güte, und streichelte ihre sehr weißen Hände. Sie weinte ein weniges. Aber keines seiner Worte drang zu ihr. Sie dachte immer nur: dieser alte Mann ihr Sohn! und war umkrustet. Sie war eigentlich froh, als die Stunde um war, die sie bei ihm bleiben durfte und der mißlaunige Korporal sie wieder abholte. Umschaute sie noch einmal aus der Tür voll scheuen Grauens nach dem alten Mann, der ihr Sohn war. Als sie dann die Festung verließ, war sie es, die den Schritt schneller nahm.
Bald darauf tauchte ein sanfter, stiller, trauriger Herr in die Zelle, neigte sich, war sehr höflich. Stille, große, weiße Hände, melancholische, fließende Augen in dem fleischigen, vom Rasieren bläulichen Gesicht. Er sprach leise, mit einer beredten, traurigen Stimme. Es war Johann Friedrich Paulus, früher Propst von Denkendorf, jetzt Prediger in Stuttgart, der Konvertit. Der Stadtvikar Hoffmann hatte ihn geschickt. Der Stadtvikar hätte zwar gern selber der Kirche diesen Verstockten gewonnen; aber er sah, hier war wenig Hoffnung, und lieber sollte ein anderer das Werk vollenden, als daß es gar nicht geschah. Der frühere Jude konnte sich vielleicht tiefer hineinschmiegen, hineintasten, hineinschmuggeln in die verhärtete Seele, sie aufzuweichen.