Die Esel die, die dürren, saftlosen! Faseln von Zauberei, können sich’s nicht ohne Hexenhantierung zusammenreimen, wo jedem gesunden Mann auf die natürlichste Art das Blut ins Herz und zwischen die Schenkel schießen muß! Wenn er an Genf dachte, wie die Christl ihm entgegenlachte, damals, in dem blaßblauen Zimmer im Gasthof Cerf d’Or, auf dem breiten Bett lagernd, prangend. Da brauchte sie, weiß Gott, keine Kälber zu schlachten und keine Tauben, um sich ihm ins Blut zu brennen. Aber jetzt? Ein altes Weib? Er hatte doch Hände zu greifen, Augen zu sehen. Sie war etwas beleibt, ja, litt an Asthma: aber war es Teufelei und ruchlos hexerische Manipulation, was ihn weiter an sie kettete? Ihre grauen Augen waren immer noch bei aller Lindigkeit so groß zwingend, wie vor zwanzig Jahren, ihr nußbraunes Haar hatte sich nicht verfärbt, und in ihrer Stimme läuteten noch alle Glocken vom ersten Tag. Freilich, die kleinen Narben, die ihn damals so ohne Maß gereizt hatten – die Lästerer behaupteten, die Spuren einer schlechten Krankheit – die versteckte sie jetzt hinter Puder und Schminke. Ein altes Weib? Sie war diesmal so schwermütig gewesen, so elegisch. Sie hatte ihn nicht verlacht, ihm keine Szene gemacht, nicht einmal Geld hatte sie verlangt. Spürte sie was? Aber wenn sie sanft wäre wie ein eintägiges Lamm: ein altes Weib liebte er nicht. Er, Eberhard Ludwig, nicht. Da könnte er gleich zu seiner sauern Herzogin zurückkehren und dem Land den zweiten Sohn machen und mit Gott und dem Kaiser und dem Reich und seinem Parlament in Frieden sein.

Dann freilich hatte sie Lux zu ihm gesagt, Eberhard Lux, und die Glocken hatten geklungen wie am ersten Tag. Und dann hatte sie sich über die Landschaft moquiert, die aus ihren, der Gräfin, Dörfern und Herrschaften die Juden verjagt haben wollte, ihre Juden, von denen jeder einzelne am Werktag mehr Hirn im kleinen Finger hatte als die ganze Landschaft am Feiertag im Kopf. Und wie sie sich über die dumm giftige, sackgrobe Petition der Landschaft lustig machte, so keine zweite helle, kluge, heitere Frau, ob jung, ob alt, hatte er nicht mehr erlebt, von Türkenland bis Paris, von Schweden bis Neapel. Es war doch gut, daß er nichts Entscheidendes zu ihr gesagt hatte.

Er winkte, unmittelbar vor ihm hielten seine Wagen. Er ließ wenden, er wollte jetzt doch nicht nach Stuttgart fahren, auch nicht nach Ludwigsburg. Nach Neßlach, dem kleinen, verlorenen Jagdhaus. Er wollte Ruhe haben, sich auslüften. Er schickte einen Läufer um den Geheimrat Schütz, mit dem wollte er die Affäre in aller Ruhe nochmals durchsprechen.

Ein altes Weib?

Noch auf dem Weg nach Neßlach schickte er auch den zweiten Jäger fort. Die neue, blutjunge, ungarische Tänzerin, die vor acht Tagen in Ludwigsburg eingetroffen war, soll ungesäumt ins Jagdhaus fahren. Donner und Türken! Er wird sich den preußischen Besuch vom Leib spülen.

Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon Landauer war in Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des kurpfälzischen Hofes gewisse Kreditgeschäfte mit der niederländisch-ostindischen Gesellschaft geregelt hatte. Von Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben dringlich zurück nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen Geschäftsfreund getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen Oberhof- und Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen Kurfürsten von Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und anstrengender Geschäfte hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem Badeort ausruhen und ließ sich von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit nach Wildbad zu gehen.

Die beiden Männer fuhren in dem eleganten Privat-Reisewagen des Süß. „Kostet mindestens seine zweihundert Reichstaler jährlich, der Wagen,“ konstatierte mit gutmütiger, leicht spöttischer Mißbilligung Isaak Landauer. Hintenauf saß des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, ehemaliger Notariatsgehilfe, ein blasser, fetter, phlegmatischer Mensch, den er in Mannheim während seiner Tätigkeit in der Kanzlei des Advokaten Lanz kennengelernt hatte und den er, den Vielverwendbaren, seither für seine persönlichen Dienste auf alle Reisen mitnahm.

Isaak Landauer trug jüdische Tracht, Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan, schütteren Ziegenbart, rotblond, verfärbt. Ja, er trug sogar das Judenzeichen, das ein Jahrhundert vorher im Herzogtum eingeführt war, ein Jagdhorn und ein S darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht hätte, von dem angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der Gräfin groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine Verbindungen reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers des Kaisers, bis zu den Kapitalisten der Provence, von den reichen Händlern der Levante bis zu den jüdischen Kapitalisten in Holland und den Hansestädten, die die Schiffahrt nach Uebersee finanzierten. Er lehnte in unschöner, nicht natürlicher Haltung im Polster zurück und barg, der unansehnliche, schmutzige Mann, fröstelnd die magern blutlosen Hände im Kaftan. Leicht schläfrig vom Fahren, die kleinen Augen halb geschlossen, beobachtete er mit gutmütigem, kleinem, ein wenig spöttischem Lächeln seinen Gefährten. Josef Süß, stattlich, bartlos, modisch, fast ein wenig geckenhaft gekleidet, saß aufrecht, besah, den Blick rastlos, scharf, rasch, jedes Detail der Landschaft, die noch immer in feinem Regen wie hinter einem Schleier lag.

Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert den Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen Rock, silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis gekrauste und gepuderte Perücke, die zärtlich gefältelten Spitzenmanschetten, die allein ihre vierzig Gulden mochten gekostet haben. Er hatte immer ein Faible für diesen Süß Oppenheimer gehabt, dem die Unternehmungslust und die Lebgier so unbändig aus den großen, rastlosen, kugeligen Augen brannte. Das also war die neue Generation. Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel gesehen, die Löcher der Judengasse und die Lustschlösser der Großen. Enge, Schmutz, Verfolgung, Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht. Und Prunk, Weite, Willkür, Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte wie nur ganz wenige, drei, vier andere im Reich, den Mechanismus der Diplomatie, übersah bis ins Kleinste den Apparat des Kriegs und des Friedens, des Regiments über die Menschen. Seine zahllosen Geschäfte hatten ihm das Auge geschärft für die Zusammenhänge, und er wußte mit einem gutmütigen und spöttischen Wissen um die feinen, lächerlichen Gebundenheiten der Großen. Er wußte, es gab nur Eine Realität auf dieser Welt: Geld. Krieg und Frieden, Leben und Tod, die Tugend der Frauen, die Macht des Papstes, zu binden und zu lösen, der Freiheitsmut der Stände, die Reinheit der Augsburgischen Konfession, die Schiffe auf den Meeren, die Herrschgewalt der Fürsten, die Christianisierung der Neuen Welt, Liebe, Frommheit, Feigheit, Ueppigkeit, Laster und Tugend: aus Geld kam alles und zu Geld wurde alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak Landauer, wußte das, er saß mit an den Quellen, konnte den Strom mit lenken, konnte verdorren lassen, befruchten. Aber er war nicht so töricht, diese seine Macht herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines, seltenes, amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und Gelehrten der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und Garten des Paradieses und Tal der Verwünschung als von Tatsachen mit genauen Einzelheiten erzählten, er persönlich hatte nicht viel Zeit für solche Erörterungen und war eher geneigt, gewissen Franzosen zu glauben, die derartige Dinge mit elegantem Hohn abtaten; auch in seiner Praxis kümmerte er sich nicht darum, er aß, was ihm beliebte, und hielt den Sabbat wie den Werktag: aber in Tracht und Aussehen klammerte er eigensinnig an dem Ueberkommenen. In seinem Kaftan stak er wie in seiner Haut. So trat er in das Kabinett der Fürsten und des Kaisers. Das war das andere tiefere und heimliche Zeichen seiner Macht. Er verschmähte Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn, und dies war Triumph, auch in Kaftan und Haarlöckchen.

Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue Generation. Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu haben und nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe eine Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich Badenschen Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack.