„Haß des Landes!“ sagte Isaak Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte den Kopf, kämmte sich mit den Fingern den rotblonden, verfärbten Ziegenbart, lächelte. Und Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was taugt, hat nicht den Haß des Landes gegen sich? Wer anders ist als die anderen, hat den Haß des Landes. Haß des Landes hebt den Kredit.“

Süß wurde gereizt durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen. „Eine Hure,“ achselzuckte er, „geizig, unfürstlich von Manieren, dazu fett und alt.“

„Gered, Reb Josef Süß,“ sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! Ein Wort. Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins damit, die ihr neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können, ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, die Frau ist gut für fünfmalhunderttausend Gulden. Sie ist gescheit, sie weiß, was sie will. Hat sie nicht die Juden zugelassen in ihre Dörfer und Herrschaften? Nicht aus Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug, sie riecht, wer klug ist, mit wem man reden kann, handeln, klar, und es kommt was heraus. Fünfmalhundert? Sie ist gut bis zu fünfmalhundertundfünfzigtausend!“

Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in Wildbad vor. Der Sternwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie er den Kaftan Isaak Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein Judenwirt“ und wollte in den Torgang zurück. Doch der blasse Sekretär stieg von seinem Sitz. „Das sind die Herren Hoffaktoren Oppenheimer und Landauer,“ sagte er gelassen und über die Achsel, während er den Herren beim Aussteigen half. Und schon dienerte der Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die Zimmer.

Josef Süß hatte sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen; aber er schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu,“ lächelte der, „auch vor einem gallonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit seinem Fuß weiter nach hinten auskratzen.“ Und er lächelte und kämmte sich mit den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten Bart.

Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während der schwere Mann umständlich in die Kutsche stieg, stand sie in der liebenswürdigen Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, schwatzte gleitend, freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich wandte, die Stufen zu dem blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt und Haltung leicht, elastisch. Dort erst entspannte sie sich, die Schultern fielen, Arme, Hände hingen kraftlos, der Mund stand halbauf, das Gesicht erschlaffte jäh und erschreckend.

Aus, es war also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu sprechen gewagt, aber es war ja klar, es lag zutage, mit der Absicht, ihr aufzusagen, war er gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende Wort steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit sprach deutlich, war hundertmal schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder Zornausbruch oder beleidigtes Schweigen.

Sie saß schlaff, sie war so müde und ausgehöhlt; die gefaßt liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch darüber, während ihr Herz tobte, fluchte, geiferte, diese Gefaßtheit war so aufreibend gewesen. Jetzt saß sie betäubt, in einer entsetzlichen Art bis zur Lähmung ausgeschöpft, auf dem niedern, breiten Lager. Puder und Schminke auf ihrem Antlitz klaffte, das heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen angezündet, losch hin, der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten Falten, und unter der kunstvollen, mit kleinen Rubinen besetzten Sbernia – sie hatte die Mode aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie nach – unter der kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche, nußbraune Haar seine sorglose Frische.

Aus also. Und warum? Der Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der schäbige, mit seinem schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr Bruder hatte gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische, eiskalte. Er brauchte sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war fest genug; es war klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz hineinverwickelt würde. Sie war ein Hindernis, kostete Rücksichten in der Politik gegen den Kaiserhof, kostete Geld, viel Geld, das man ohne den Umweg über sie bequemer und reichlicher in die eigenen Kassen lenken konnte. Oh, wie sie ihn durchschaute, den Rechner, den hundsföttischen. Pfui, pfui, pfui! Aber sie wollte es ihm heimzahlen. Noch stand sie, lebte sie, der Herzog hatte noch nicht gesprochen, noch regierte sie, sie, sie im Land. Aber das alles konnten für den Herzog keine Gründe gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme bestanden. Sie hatte den Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und Konsistorium zu Gegnern gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr Bruder! Der Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den wahren Grund auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken umklammern, wußte ihn und wußte ihn nicht, schlug wie die Raupe an der Nadel dagegen, daß er aus dunklem Gefühl Bewußtsein werde. Ihr Blick suchte den Spiegel, mied ihn. Sie sank, die schwere Frau, noch hilflos tiefer in sich zusammen, ein Haufe schlaffen Fleisches in den prunkenden Stoffen.