Aber da warf ihn die Entrüstung des Mädchens ein zweites Mal und noch viel schlimmer zurück. „Mein Vater ist kein Satan und Buhler,“ glühte sie, während die Dickliche sie verzweifelt und dringlich zurückzuhalten suchte. „Das ist schwarze, niedrige, scheusälige Verleumdung.“
Das freundliche, pausbäckige Gesicht des Magisters wurde ganz gelb und fahl. Der Jude ihr Vater! Der moosichte Boden unter ihm hob und senkte sich, die Bäume fielen um, über ihn, stachen ihn, deckten ihn zu. Der Jude ihr Vater! Seine ganze Welt, Gott, Teufel, Offenbarung stand Kopf.
Wie ihm langsam Ueberlegung und Verstand zurückkehrte, sagte er sich, wenn der Jude eine solche Tochter habe, sei doch wohl vieles Fabel und tückisches Geschwätz, was von ihm in Schwang und Gerede sei. Die Welt ist übel, die Zungen sind vergiftete Schwerter, manch einer wurde für einen Herodes und Barrabas hingestellt und war hernach nicht viel anders als unsereins. Immerhin, die Tatsache blieb, daß man ihm, der fromm und demütig war, die Bibliothekarstelle verweigert hatte, bloß weil er ohne Geld war. Und diese Institution war bestimmt eine Einführung des Juden. Und wenn auch die Jungfrau hier rein und unschuldig einherging, sehr viele andere Werke des Juden waren heillos und verrucht und ebenso mit Augen zu schauen wie dieses freilich sehr weiße und englische Bild.
Das Kind hatte die Verwirrung des Magisters sehr wohl bemerkt. „Ah,“ rief sie, „jetzt erschreckt Ihr, weil Ihr hört, daß er mein Vater ist. Fürchtet Euch nicht! Er ist zu hoch, als daß er auch nur die Ferse rührt gegen seine armseligen Schwärzer und Verleumder.“
Aber das ließ sich nun wieder Jaakob Polykarp Schober nicht gefallen. Er sei demütig und sehr gering, sagte er. Aber Furcht vor Menschen kenne er nicht. Und wenn der Herr Jud und Vater der Demoiselle auch ein wütiger Nebukadnezar sei und ihn könne in einen feurigen Ofen werfen lassen, Gott werde er doch immer die Ehre geben.
Unter solchen Gesprächen waren sie an den Holzzaun gekommen, und die Dickliche sagte, er müsse jetzt gehen. Sie nahm ihn beiseit, und mit ungefügen, holperigen Worten in fremdartigem Akzent beschwor sie ihn, der Kleinen nicht zu glauben. Sie sei natürlich nicht die Tochter des Finanzdirektors, sie träume sich das nur so zusammen. Und er solle um des Himmels willen keinem Menschen von der Sache erzählen. Dem Magister, der sonst sehr langsam von Begriffen war und dem von der Begegnung und dem ganzen Auf und Ab wirbelte, sah, daß die ganze Seligkeit in wenigen Sekunden für immer vergehen werde, und da faßte er unerwartet einen gar nicht demütigen Entschluß. Er sagte, er sei es seiner christlichen Ehre schuldig, die Demoiselle ganz darüber aufzuklären, daß er kein schurkischer Verleumder sei, und er müsse sie zu solchem Behuf unbedingt noch einmal und ausführlich sprechen. Nur wenn ihm das eingeräumt werde, verpflichte er sich, reinen Mund zu halten. Die Dickliche, unter solchem Druck, sagte zaudernd für einen spätern Tag zu und verschwand mit der Prinzessin, die wieder klagte: „Und Blumen so zu vergiften, arme, unschuldige Blumen!“
Um Jaakob Polykarp Schober aber war von jenem Tag an viel Wichtigkeit und Gehobenheit. Gott hatte ihn an den Hebel großer und schwerer Ereignisse gestellt. Denn es war klar, daß die Prinzessin doch die Tochter der hebräischen Exzellenz war, und was das dickliche Frauenzimmer geredet hatte, war Schwatz, und er war klug, ihn führte man nicht so leicht hinters Licht. Und nun liegt es an ihm, die Seele der Jungfrau zu retten, ja, vielleicht wird er auf diesem Weg an den Juden selber gelangen und ihm ins Gewissen reden; denn es ist doch keineswegs ausgemacht, daß ein Jud von vornherein kein Gewissen hat. Und wenn der Herr Zebaoth seiner Rede Kraft verleiht, dann wird vielleicht durch ihn das ganze Herzogtum von seinem heillosen Druck Erlösung finden.
In solcher Erwartung ging der pausbäckige Magister herum, und er war voll Gehobenheit, und es war großes Licht um ihn. Er ließ sich auch in seiner Zuversicht nicht stören, als er hörte, daß die Bibliothekarstelle mit einem ganz Unwürdigen besetzt wurde, der außer seinen Talern keinerlei Eignung mitbrachte. Die Gnade war jetzt sichtbarlich über ihm, seine Rede floß ihm lieblich vom Mund, ja, es traf sich, daß sich ihm die Worte zu Reimen fügten. So dichtete er gerade nach der Botschaft von der Besetzung der Bibliothekarstelle ein Lied, das er „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ betitelte, und das mit den Versen anhub:
Solang es anoch eine Krähe,
Solang es einen Sperling gibt,