Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den Landstraßen herum, stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich durch. Der Kaspar Dieterle konnte gräßlich fluchen, unflätiger als sonst jemand im Land. Dies imponierte dem Mädchen ungeheuer und schien ihr besonders kraftvoll und männlich. Am schönsten war er, wenn er auf die Juden fluchte. Kaskaden von Gift und Dreck wälzten sich dann unter dem rötlichen Schnurrbart vor, das fahle Gesicht wulstete sich um die wasserblauen Augen, und das Mädchen hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter Laune, um die Kleine zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm, mauschelte, versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den Schnurrbart als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein Festtag aber war es, wenn er auf Märkten und Messen mit Juden zusammenstieß. Auf herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, wenn auch widerstrebend, unter dem Einfluß des Süß die Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in den freien Städten konnte er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle sauren Possen spielen, die sein armes Hirn auszukochen imstande war.

Nun hatten sie auf die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt. Dort aber war ein Jud Jecheskel Seligmann erschienen, früher Schutzjude der Gräveniz, jetzt mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen Grävenizschen Besitz, geduldet. Der handelte mit Erzeugnissen der Manufakturen Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte als der andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesiegliche Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, dürrer, krummer, häßlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend Gründe, ihn zu verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner Meßbude mit Schweinefett, das dann an seinem Kaftan hängenblieb, er hetzte die Kinder auf ihn, er ließ ihn springen und Hepp-Hepp machen, und er hatte die Lacher auf seiner Seite. Der Jude ließ sich alles gefallen, er sah häßlich, dürr und erschöpft aus und hatte, kam er dann endlich unter seinen Waren zu Atem, ein japsendes, verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den Späßen des Kaspar Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich mit, aber sie kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine Waren billiger und mannigfaltiger waren als der arme Plunder des anderen. Kaspar Dieterle hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den Jecheskel Seligmann, er beschloß, ihn des Nachts halbtot zu schinden und zu treten, aber er hatte nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei dem Meß- und Judenwirt zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er mußte vor Torschluß die Stadt verlassen.

Das Paar übernachtete in einem dünnen Wald. Sie waren, der Mann wie das Mädchen, erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie froren und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger Messe eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine Einnahme, die sie gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er hatte ihr das Geld entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte sie, er solle sie wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie, schimpfte, sie lausiges Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr verdient habe. Sie schimpfte zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie genotzüchtigt, auch sonst geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm sicher. Er schlug zu, sie schrie und schimpfte weiter, der Hund kläffte, er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da sie nicht abließ und sich trotz aller Schläge nur wilder in ihn verbiß, haute sie schließlich wuchtig mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um, streckte sich, blieb liegen. Oefters schon war das geschehen, so ließ er sie liegen, schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten Schnapsflasche. Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, wüst schnarchend. Aber der Regen drang durch und weckte ihn bald wieder. Er rülpste, sie solle zu ihm rücken, ihm eine andere Decke geben, ihn wärmen. Da sie nicht antwortete, stieß er nach ihr, fluchte. Wie sie sich noch immer nicht rührte, stand er froststarrend auf, trat sie. Entzündete endlich, seufzend, rülpsend, umständlich, nach vielen vergeblichen Versuchen die blinde, zerschlagene Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie, Kiefer herunter, Augen groß auf, naß, starr.

Er stand lange im Regen, in dem dünnen Wald, frierend, blöde, ohne Sinn, allein mit der Toten und dem leise winselnden Hund. Die Laterne hatte sogleich der Wind gelöscht, es war dunkel und frostig. Aus dem Baum, an dem er lehnte, tropfte es auf ihn herab, es rann ihm den armen, platten Hinterkopf herunter in den Nacken, sein rötlichblonder Seehundsbart tropfte gleichmäßig. So stand er lange und begriff durchaus nicht, wie und warum die Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt tot war. Schließlich begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der Hund fiel ein, er hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterließ es.

Nach einer Weile kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne Mühe, den starren, häßlichen, schmutzigen Körper, machte überall Schnitte in die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit. Er verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es mit einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete noch immer, die Nackte, Verstümmelte auf den Karren, umstapelte sie hoch mit Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren wieder in die Stadt. Kam dort mit dem frühesten Morgen an, als das Tor geöffnet wurde. Der Torwache sagte er, er habe noch einen Handel mit dem Juden Seligmann. Man ließ ihn passieren.

Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer seltsamen, gleichmütigen Zielbewußtheit. Im Hof der Herberge stellte er seinen Karren ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein Notwendigstes. Soff. Lief dazwischen immer wieder nach seinem Karren. Bis er endlich, während nur die jungen Schweine zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen notdürftig begraben konnte. Es regnete noch immer. Dann ging er wieder in das Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus. Erzählte eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man habe doch gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber der Jud habe dem Kind doch eine Korallenkette versprochen. Sie hätte zu ihm zurückgewollt. Er, der Kaspar, habe sie gehalten. Geprügelt. Nachts, vielleicht hatte der Jude ihr was eingegeben, sei sie dann auf einmal doch weg gewesen. Manchmal müsse der Mensch auch schlafen; da könne er dann den andern nicht halten, ja. Und jetzt habe er unter den Waren des Juden draußen ein Bündel Kleider gefunden, seien die Kleider der Babett. Müßt das Kind jetzt wohl nackend herumlaufen, nur mit dem Korallenkettlein. Ja, und jetzt sei den Juden ihr Osterfest.

Dies erzählte der Kaspar Dieterle, während er seine letzte notwendige Habe versoff. Er erzählte es mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu. Und immer gekitzelter hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter starrten sie auf den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten rötlichen Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte hervorkroch.

Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche, die Schweine fraßen schon daran. Fledermausflügelig, mit phantastischen Greueln ausgeschmückt, flog der Bericht von der Untat durch die Stadt. Zusammen liefen die Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße hörte auf, die Tore wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel über Greuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den Juden, ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte Leiche den Schweinen vorgeworfen. Soweit war es gekommen durch die Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so schwarze Mordtat arrivieren konnte in der freien Reichsstadt Eßlingen zur Schmach und Schande des ganzen schwäbischen Kreises.

Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit genau dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen Kriminalfall mehr erlebt im Römischen Reich. Fast schon wußte man nur mehr aus Büchern davon. In dieser Gegend war seit dem Ravensburger Kindermord nichts mehr dergleichen arriviert. Oh, wie klug waren die Väter gewesen, daß sie die Juden ausgeschafft aus dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von Hechingen, dem Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, daß einer von ihnen mit seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt verstinke. Stolz und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer einverlangte, erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in diesen Mauern gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der Herodes, die Schelme und schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, die den unschuldigen Christenkindern auflauern und ihnen das Blut abzapfen. Aengstlich verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer schrecklichere Einzelheiten gehen um. Was heut dem fremden Kind geschehen ist, kann morgen dem eigenen geschehen. Auf lange hinaus werden die verschreckten Würmer vor jedem Fremden davonlaufen und gräßlich von Blut und Messern und wilden Bärten träumen.

Der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld eintreiben wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es ging, und beteuerte immerzu, er habe gestern weder dem Kaspar Dieterle noch sonstwem zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund aufgetan. Denn dies war ein beliebtes Mittel dem jüdischen Konkurrenten gegenüber, daß man ihn durch Wort und Tat zu einer Erwiderung reizte und ihn dann einsperren ließ unter der Anklage, er habe durch freche Beschimpfung Christen um ihres Glaubens willen verunglimpft. Aber die Büttel schlugen ihn übers Maul, faßten ihn hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der dürre, zitternde, entsetzte Mann von einer Menge Volkes empfangen, er sah hundert erhobene Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen ihn, er wurde zu Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden ihm gerauft. Er suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend noch unter den Mißhandlungen, während ihm Speichel und Blut aus den Mundwinkeln rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, überhaupt kein Wort geredet. Erst aus dem Gezeter einer Frau, die ihn immerzu mit einer Spindel in die Weichen stach, erkannte er jäh die Beschuldigung, verlor die Sinne. Ohnmächtig wurde er in den Turm gebracht.