Heydersdorff sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner Name. Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er kannte Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter das Bild in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann diffamiert und in letzte Not gejagt war. Wie oft war er als Junge davorgestanden, vor dem Bild des prunkenden Generals, an seinem Namen hatte ihn die Mutter sprechen gelehrt, der umständliche Name Georg Eberhard von Heydersdorff war mit das erste gewesen, was das frühreife Kind fehlerlos hatte aussprechen können; die Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund gesteckt, als er das erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte er das kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung, und die rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn immer weiterlockte auf dem Weg, den er so märchenhaft hinaufgelangt war.
Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das in steilem Triumph hinaufführte und jäher hinab. Feldmarschall-Leutenant, hochverdient in den Türkenkriegen, Komtur des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn, Kommandant zu Heidelberg im französischen Krieg. Neid und Eifersucht schleppten ihn nach dem Fall der Festung vors Kriegsgericht. Er habe sie feig und voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch wie! Der Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung vollzogen ward. Deutlich noch jetzt sieht er jede Einzelheit der fliegenden Blätter. Das rechte Neckarufer entlang hat der scheelsüchtige Markgraf die Truppen aufgestellt. Wie steif er sich hält auf seinem dürren Gaul. Das war also sein Vater, der da die Front des ganzen kaiserlichen Heeres entlanggeführt wird. Eine endlose Front; die Soldaten schlängeln sich das ganze Blatt hindurch in immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf dem Schinderkarren, schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch-Ritterorden, entsetzt all seiner Ehren, und der Heilbronner Scharfrichter und seine Knechte führen ihn.
Noch andere Stiche und Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen. Doch die sind ihm minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch ganz deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie dem Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein Todesurteil vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. Als treuloser Schelm wird er verbannt aus Oesterreich und Schwaben. Der Henker reißt ihm den Degen von der Seite, schlägt ihn dem Delinquenten dreimal ums Maul, zerbricht ihn. Laut wehklagend wird der Verbannte über den Neckar geführt, in einem Nachen.
Das weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter weiß wohl Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr schlechten Klang. Scheelsucht und Ungerechtigkeit soll das Urteil gefällt haben. Als Held gilt dem Volke Heydersdorff der Soldat, als Märtyrer Heydersdorff der Mönch.
Solcher Mann also ist sein Vater. Ein wilder Name, ein wildes Schicksal. Der Kabbalist mochte für sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr rastlosen Stern des Vaters. Waren da nicht bis ins kleinste geheime Relationen? Der Vater Kapuziner: und er ist hineinverwoben in das katholische Projekt Karl Alexanders. Der Vater Soldat: was Wunder, daß geheime Magie den Herzog, den Soldaten, und ihn aneinanderbindet.
Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird nun sein? Was wird er jetzt tun?
Er wird vor den Herzog hintreten mit den Papieren, Legalisierung verlangen, Anerkennung seiner christlichen Geburt. Vielleicht wird er selber nach Wien fahren. Er wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken, er wird dann in aller Form Landhofmeister werden, auch Präsident des Konseils. Dies also wird sein. Ja, und dann?
Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er wird es leichter haben, seine Hände in das katholische Projekt zu mischen. Der Fürstbischof von Würzburg wird sich nicht mehr vor ihm verschließen, die höhnischen Mäuler unter den Offizieren werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen Besitz der Macht auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann?
Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher Diplomaten gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das Singuläre, Einmalige, Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. Jetzt ist er der jüdische Minister. Das ist etwas. Man lacht, man höhnt; aber unter diesem Lachen steckt Staunen vermummt und Bewunderung. Daß ein Aristokrat Minister wird, was da weiter? Aber ein Jud, der so einsam hochklettert, das ist doch wohl mehr als ein Schock Aristokraten. Soll er das hinwerfen? Wofür? Wozu? Schließlich hätte er sich doch früher schon taufen lassen können. Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als wenn er jetzt als geborener Christ sich offenbarte. Christ sein, das war Einer unter vielen sein. Aber Juden gab es auf sechshundert Christen nur Einen. Jude sein, das hieß verachtet, verfolgt, erniedrigt sein, aber auch einmalig sein, immer bewußt, aller Augen auf sich zu haben, immer gezwungen, gespannt, gerafft zu sein, alle Sinne lebendig und auf der Hut.
Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, wo er längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man ihm den Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel Seligmann gehabt? Wollte man ihn arglistig um ein bestes Erbteil betrügen? Ihm schlau und verächtlich seine wertvollste Zugehörigkeit ablauern?