»Ach nein!« rief Sophie unwillig und ergriff ihn am Aermel, »— daß Sie sich nicht etwa unterstehn, Doktor Tomasow, unsrer Ma dergleichen einzublasen!«
»Aber Sophie, du benimmst dich rein wie ein Kind!« tadelte Cita, von der zwanglosen Intimität dieser Worte unangenehm berührt.
»Mir scheint hiernach aber doch,« nahm Tomasow sehr gelassen das Wort, »daß Sophie nur mit löblicher Offenherzigkeit ihres Herzens Meinung, — und auch Ihres Herzens Meinung, Cita! — kundgibt. Mir scheint, daß bei Ihnen die Wahl des Ortes fast eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die soeben erst eingeholte Erlaubnis zum Studium selbst, — hab ich nicht recht?«
Sophie errötete und wollte widersprechen. Aber Cita setzte sich Tomasow gegenüber seitwärts auf einen Stuhl, schlang den Arm um die Lehne und bemerkte eifrig: »So kindisch ist es nicht zu nehmen, wie es bei Sophie leicht aussieht. Allerdings freut sie sich darauf, — und ich für sie! — daß sie auch außerhalb des Studiums am Leben teilnehmen wird. Aber selbstverständlich nicht etwa an seichten Vergnügungen! Nicht um irgend welcher Genüsse willen, die eine große Stadt naturgemäß reicher bietet, —.« Citas Lippen kräuselten sich bei dieser Erwähnung fast so verächtlich, wie die einer jungen Nonne, die im Kloster vom Weltverzicht spricht.
Im »Spalt« nebenan, wohin Sophie eben verschwunden war, um einiges Geschirr für die Küche zurechtzustellen, hörte man es beängstigend laut klirren.
»— Sondern —?« forderte Tomasow Cita zum Weitersprechen auf. Der Kneifer saß ihm noch immer auf der Nase. Eigentlich hatte sie wenig Lust, weiterzusprechen. Sie fand ihn heute ganz merkwürdig arrogant aussehend.
»— Sondern um teilzunehmen am Leben der heutigen strebenden Frauenwelt, — an dieser ganzen Bewegung,« sagte sie dennoch. »Sophie wird sich bald, so wie ich es thue, innerlich eins damit fühlen, daran emporwachsen —«
»— Jedenfalls hat es etwas Begeisterndes!« fiel Sophie ein, die es doch nicht aushielt, im Hintergrunde zu bleiben. Sie hatte das Geschirr niedergesetzt und trat wieder zu ihnen. Sie fand, daß man ganz über sie hinwegspräche, während es sich doch ausschließlich um ihre eigenste Angelegenheit handelte. Auch sie wollte sich Luft machen und mit ihrer Ueberzeugung herausrücken.
So fuhr sie lebhaft fort: »Es ist doch etwas ganz andres, ob man so vor sich hin studiert und nur ganz egoistisch an die eigne Zukunft denkt, — oder ob man mit allen zusammen diesen neuen großen Zielen entgegengeht. — — Es hat etwas Begeisterndes!« wiederholte sie mit einer inbrünstigen Betonung, die darüber hinweghelfen sollte, daß ihr gar nichts weiter einfiel.
Sie stand neben Tomasows Stuhl, sodaß er zu ihr hinaufsehen mußte. Wie sie diese Worte mit so viel Wärme sprach und dabei so zart und lieblich dastand, flog ein Ausdruck durch seine Augen, der Cita frappierte, obwohl sie ihn nicht verstand. Arrogant nahm er sich jedenfalls nicht mehr aus.