Immermann.
10.
Magdeburg, den 6. März 1824.
Ihre letzten lieben Zeilen, meine Freundin, habe ich erhalten, und sage Ihnen herzlichen Dank dafür. Ich freue mich, daß Ihnen der projectirte Frauenverein Gelegenheit zur Thätigkeit geben wird, in der Ihnen so wohl ist; nur fürchte ich, daß die edle Errichterin Sie bald aus der schönen Vereinigung jagen wird, da mir ihr Talent zu lösen und zu stören, wohl – die Fähigkeit zusammenzuhalten aber weniger bekannt ist. Sie müssen sich indessen doch zwingen und so lange aushalten als möglich, denn etwas äußeres Leben ist jedem Menschen, besonders aber Ihnen, nöthig, wenn Sie nicht in düstern Trübsinn versinken sollen.
Wäre ich doch einer Ihrer reichen Verwandten, Sie sollten sich gewiß nicht über Verlassenheit zu beklagen haben. Wie traurig ist es, daß Freunde so selten Verwandte und Verwandte so selten Freunde sind! Die Verwandtschaft pflegt in der Regel sich nur durch Hemmen und Schenken bemerkbar zu machen, wenn aber Noth eintritt und man dann nach der Familie sich umsieht, da ist man ganz frei und unbeschränkt.
Vor einigen Tagen fand ich in »Des Knaben Wunderhorn« zwei Gedichte: »Lob der himmlischen Freuden« und »Antonius Fischpredigt,« die Ihrem komischen Sinne zusagen werden und deren Abschrift ich Ihnen das nächste Mal mitschicke. Könnte ich sie Ihnen nur vorlesen! Hier nimmt niemand irgend etwas von mir in Anspruch, als das Geschäftstalent, und das ist meine schwächste Seite. Ein Dichter ist wirklich ein sehr unglücklicher Mensch – alle andren Künste haben doch auch eine Art von Stelle in der Welt, der Dichter aber schwebt vogelfrei zwischen Himmel und Erde. Drum müssen wir uns an den Genuß halten, den wir selbst von unsren Vortrefflichkeiten haben, und unser Heil in der Einbildung suchen. –
Der Winter scheint seine Rechte nachholen zu wollen, es ist empfindlich kalt, jedoch heitrer, klarer Himmel; und wäre ich dort, so holte ich Sie heute zu einem Spaziergange ab. Hier komme ich nicht viel zum Wandern, ich suche mir aber dadurch zu helfen, daß ich stehend arbeite und beim Dictiren hin und her gehe.
Wenn jemand das Unglück hat, zur Festung verurtheilt zu werden, so wünsche ich ihm keinen andern Strafort, als Magdeburg. Denn um hier Glück in der Gesellschaft zu machen, muß man durchaus Staatsgefangener sein – diese dürfen überall erscheinen und erregen das meiste Interesse. Mehrere haben sich schon von hier Frauen geholt. – Mir kommt es mitunter so vor, als sei ich zur Festung verurtheilt, aber von Glück hat sich noch nichts einfinden wollen.
Leben Sie wohl, theure Freundin, und vergnügter als
Ihr Freund