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Bis hierher hatte ich das Niedergeschriebene einem Freunde vorgelesen. Ich fragte diesen um sein Urtheil. Ich bin uͤberrascht, sagte er nach einigem Zoͤgern: Ich habe uͤber den Einfluß der plattdeutschen Sprache bisher nicht weiter nachgedacht, und das moͤgte wohl der Fall mit den meisten kuͤnftigen Lesern dieser Bogen sein. Nichts destoweniger habe ich diesen Einfluß dunkel und unangenehm empfunden; er macht, besonders wenn man aus dem Suͤden zuruͤckkehrt, einen aͤhnlichen Eindruck, wie die veraͤnderte Athmosphaͤre, die fahle Luft und das haͤufige Regenwetter des Nordens. Man findet sich darein, wie in ein nothwendiges Naturuͤbel. Allein mit der Sprache ist es wol ein Anderes. Sie haben Recht, wenn Sie einmal fruͤher aͤußerten, man muͤsse sich selbst gegen das Nothwendige, das der physischen oder moralischen Ordnung angehoͤrt, in Position setzen. Sie haben mir, darf ich sagen, ordentlich die Brust erleichtert, indem Sie mich auf einen bestimmten Landesfeind aufmerksam machen, mit dessen Vertilgung das Feld fuͤr die norddeutsche Civilisation gewonnen scheint. Das wird und muß nach Lesung Ihrer Schrift, das Gefuͤhl aller Patrioten sein, denen es in dieser Zeit wie Alpdruͤcken auf dem Herzen liegt. O wohl! o wohl! Die plattdeutsche Sprache ist das absolute Hemmniß des oͤffentlichen Lebens, der Bildung und Humanitaͤt in Niedersachsen. So lange diese Sprache dem gemeinen Leben angehoͤrt, werden, wie bisher, Mastochsen, Gaͤnsebruͤste und westphaͤlische Schinken die Hauptprodukte unserer Civilisation bleiben. Gegen die Civilisation selbst macht die plattdeutsche Sprache nicht allein gleichguͤltig, sondern tuͤckisch und feindselig gestimmt. Warum ist das nicht laͤngst zur Sprache gebracht, Gegenstand des allgemeinsten und lebhaftesten Interesses geworden.

Sie vergessen, sagte ich, daß Voß, Harms, Scheller, Baͤrmann und andere wackere Maͤnner die Theilnahme des Publikums fuͤr diese Sprache, selbst fuͤr eine Literatur in derselben, haben in Anspruch nehmen wollen.

Ich weiß, erwiederte er, ich habe unter andern den „Bloottuͤgen,“ den Henrik von Zuͤphten vom Pastor Harms gelesen. Damals dachte ich nichts anderes dabei, als daß so ein plattdeutsches Buch unbequem und schwer zu lesen und wahrscheinlich noch unbequemer zu schreiben sei.

Was den Henrik von Zuͤphten betrift, bemerkte ich dagegen, so scheint mir der Verfasser einen Ungeheuern Mißgriff in der Wahl des Stoffes gethan zu haben. Ich schaͤtze die alten Dithmarsen sehr hoch. Sie waren ein tapferer, unbezaͤhmlicher, ordentlich nach Freiheit und Unabhaͤngigkeit duͤrstender Menschenschlag, Bauern zu Pferde mit dem Schwerdt in der Hand, die Schweizer des Nordens oder vielmehr Wittekinds und seiner Sachsen ungebeugte und ungebrochene Enkel bis in's fuͤnfzehnte und sechszehnte Jahrhundert hinein. Nur weiß ich nicht, ob ein lutherischer Pfarrer von Heute, selbst wenn er geborner Dithmarse ist, einer so durchaus heidnischen Mannheit Gerechtigkeit widerfahren lassen kann; denn obwol die dithmarsische Groͤße und Freiheit in christliche Zeiten fiel und die Verehrung der Jungfrau Maria in diesem Lande gerade hoͤher getrieben wurde, als, wie es scheint, andeswo im Norden, so erhielt doch der hochfahrende und kampflustige Sinn der Einwohner durch sie nur eine sehr schwache christliche Faͤrbung und wol schwerlich hat die Brust eines mutigen Dithmarsers aus Furcht vor dem Himmel, der Geistlichkeit oder eigener Gewissenszartheit christliche Demuth dem Muth uͤbergeordnet, wie man solches in den Ritterbuͤchern des Mittelalters liest. Doch mag es damit sein, wie es will; ich muß bekennen, daß ich uͤberhaupt keinen Geistlichen zum Geschichtschreiber wuͤnsche, speziell nicht zum Dithmarsischen. Was mir aber auffiel, war, daß Pastor Harms sich grade einen Moment aus der dithmarsischen Geschichte gewaͤhlt hatte zur plattdeutschen Darstellung, der auf so schneidende Weise mit der altvaͤterischen, derben Bonhommie, die er dieser Sprache im Eingang nachruͤhmt, im Kontrast steht: der Maͤrtyrertod des ersten lutherischen Predigers in Dithmarsen. Diese kalte Wuth, dieser Hohn menschlichen Gefuͤhls, diese Spurlosigkeit alles Barmherzigen, womit hier der arme Mann einem langsamen und schauderhaften Tode uͤberliefert wird, macht nicht nur an sich einen boͤsen Fleck in der dithmarsischen Geschichte aus, sondern erinnert auch sehr zur Unzeit, daß diese beste Zucht niedersaͤchsischer Maͤnner, die Dithmarsen, von jeher neben ihrer Tapferkeit und eisernen Sitte, mit asiatischer Barbarei an Gefuͤhllosigkeit gegen Feind und Freund gewetteifert haben, was den allerdings wol auf eine derbe und rohe, aber keineswegs auf so eine „alte und gemuͤthliche“ Sprache hindeutet, wie's so etwa von einem unserer friedlichen und gutmuͤthigen Philister heutiger Zeit verstanden wird. — Fuͤgen Sie noch hinzu, sagte hierauf mein Freund, daß das Dithmarsen der Gegenwart, das noch ganz und gar plattdeutsch ist, und wo auch noch wirklich das beste platt[8] gesprochen wird, weder in moralischer noch in gesellschaftlicher Beruͤhrung ein sehr glaͤnzendes Lob auf dasselbe zuzulassen scheint. Die Armuth, Trunkfaͤlligkeit, die ungeheure Zahl der veruͤbten Mordbraͤnde in Dithmarsen deuten auf einen sehr versunkenen sittlichen und buͤrgerlichen Zustand. Eben er, der mit herrlichem Eifer fuͤr die Verbreitung religioͤser und moralischer Lebensflammen erfuͤllte Pastor Harms hat in patriotischen Schriften seinen Schmerz daruͤber ausgesprochen. Was kann er aber, sage ich jetzt mit vollster Ueberzeugung, von der Mithuͤlfe einer Sprache erwarten, welche aller Mittheilung unbesiegliche Schranken entgegenstellt und das wahre Grab des hoͤheren Leben ist. Es staͤnde zu wuͤnschen, daß ein dithmarsischer Patriot den nachteiligen Einfluß der Sprache auf die Fortschritte der Civilsation und selbst auf die schoͤnere Humanitaͤt einer ausgezeichneten Einzelbildung aus der Allgemeinheit Ihrer Schrift uͤbertragen moͤge auf Dithmarsen und die Dithmarsen, wie sie sind und was sie vermoͤge ihrer Sprache sind und nur sein koͤnnen.

Ihr Wunsch ist der meinige, ich werde ihn, wie uͤberhaupt unser Gespraͤch, vor's Publikum bringen, und zwar als integrirenden Theil meines Aufsatzes. Denn, glauben Sie mir, ohne Ihr Hinzukommen wuͤrde ich mich nie zur Herausgabe desselben bestimmt haben.

Sie scherzen, oder wollen etwas sagen, was mir nicht klar ist.

Hoͤren Sie nur und urtheilen Sie selbst. Ich habe bisher darzustellen gesucht, daß die plattdeutsche Sprache sowol an sich unfaͤhig sei, die Keime der Civilisation zu fassen als auch, so lange sie taͤgliche Umgangssprache in Niedersachsen bliebe, alles Bemuͤhen zur Civilisation durch das Mittel der hochdeutschen Sprache vereiteln muͤsse. Ich habe diese Wahrheit nicht allein auf die unteren Kreise beschraͤnkt, ich habe fuͤhlbar zu machen gesucht, wie ohne unterliegende allgemeine Volksbildung, auch die hoͤhere Bildung des Einzelnen gefaͤhrdet sei und zum Beispiel die Extreme auf der jetzigen Leiter unserer Kultur, Bauer und Student oder Studirter, sich in demselben rohen und bildunglosen Medium wieder beruͤhren. Habe ich, wie ich meine und getrost der oͤffentlichen Stimme uͤberlasse, dieses mit unabweisbarer Handgreiflichkeit nachgewiesen, so werde ich allerdings der Uebereinstimmung aller Patrioten in der Behauptung gewiß sein, es sei nicht wuͤnschenswerth, daß die ohnehin aussterbende und vermodernde plattdeutsche Sprache, gehegt und gepflegt werde, es sey im Gegentheil wuͤnschenswerth, daß sie sich je eher je lieber aus dem Reiche der Lebendigen verliere. Und somit waͤre denn im verhofften guten Fall hie und da eine Meinung, eine Ansicht uͤber das Wuͤnschenswerthe und nicht Wuͤnschenswerthe in dieser Angelegenheit oͤffentlich angeregt. Aber sagen Sie mir, was ist eine Privat-Meinung, die einen frommen Wunsch zur Folge hat, im Angesicht eines oͤffentlichen Gegenstandes, oder Widerstandes, der nichts meint und wuͤnscht, der nur so eben sich seiner breiten Fuͤße bedient, um seine plumpe und gedankenlose Existenz durch alle Meinungen hindurch zu schieben und sich trotz aller Meinungen auf den Beinen zu behaupten, bis er etwa von selbst umfaͤllt, Meinungen und Ansichten haben wir im Ueberfluß, vortrefliche. Woran fehlt's? Am Korporativen der Meinung, welches die oͤffentliche Meinung ist, welche die That mit sich fuͤhrt. Wuͤrde ich sonst, wenn ich nicht das fruchtlose Hin- und Hermeinen des Publikums zu gut kennte, mir die Beantwortung der ironischen Frage aufgelegt haben, ob man den wuͤnschenswerthen Untergang der Sprache ruhig sich selbst und der Zeit uͤberlassen oder etwas dafuͤr thun, denselben moͤglichst beschleunigen solle? Sie sehen aber wol, daß es mir damit nicht Ernst gewesen sein kann; denn bringt die wahre und lebhafte Darstellung eines großen Uebels nicht unmittelbar und fuͤr sich das Gegenstreben, den Wunsch und das Umsehen nach Mitteln zur Abstellung desselben hervor, so ist alles weitere Reden und Zureden rein uͤberfluͤssig, falls es nicht, wie bei manchen Maaßregeln gegen die Cholera, mit aͤußerm Zwang und obrigkeitlichem Befehl verbunden ist.

Ich weiß aber nicht, was mir sagt, daß Sie im Auffassen dieser Angelegenheit der Repraͤsentant von sehr vielen Norddeutschen sind. Die Wahrheit hat auf Sie ihren vollen Eindruck nicht verfehlt, Sie freuen sich, ihren allgemeinen truͤben Mißmuth einem bestimmten Feind gegenuͤbergestellt zu sehen, Sie sinnen auf Mittel, ihn anzugreifen, Sie halten ein allgemeines lebhaftes und daher wirksames Interesse als durchaus in der Sache begruͤndet.

So ist es, erwiederte mein Freund. Und ich glaube, auch darin irren Sie nicht, wenn Sie mich nach Ihrem Ausdruck fuͤr den Repraͤsentanten einer sehr namhaften Zahl und Klasse von Norddeutschen halten. Bedenken Sie nur allein den Stand des Schullehrers, der Jahr aus Jahr ein an der plattdeutschen Jugend sich fruchtlos abquaͤlt und gleichsam tagtaͤglich Wasser ins Faß der Danaiden schoͤpft. Ihm vor allen wird ihre Schrift neuen Muth und Anstoß geben. Das Hauptmittel, davon sind Sie ohne Zweifel auch uͤberzeugt, liegt in den Haͤnden dieser Maͤnner.