Allein, hoͤre ich Jemand einwerfen, wenn auch die plattdeutsche Sprache ganz dem Bilde gleicht, das du von ihr entworfen, wenn sie selbst auch unfaͤhig ist, Element der Volksbildung zu sein, so erwartet eigentlich auch Niemand dieses Geschaͤft von ihr, das ja von der allgemein verbreiteten und verstandenen hochdeutschen Sprache laͤngst uͤbernommen und verwaltet wurde.

Antwort: uͤbernommen aber nicht verwaltet. Damit behauptet man einen Widerspruch gegen alle Vernunft und Erfahrung. Selbst die allgemeinste Erlernung und Verbreitung der hochdeutschen Sprache uͤbt so lange gar keinen oder selbst nachteiligen Einfluß auf die Volksbildung, als neben ihr Plattdeutsch die Sprache des gemeinen Lebens bleibt.

Allerdings wird die hochdeutsche Sprache als Organ der Volksbildung uͤberall in Niedersachsen angewendet. Es gibt wol wenig Doͤrfer, wo die Jugend nicht Gelegenheit findet, das Hochdeutsche ein wenig verstehen, ein wenig sprechen, ein wenig lesen und ein wenig schreiben zu lernen. Die Leute muͤssen wol. Amtmann, Pfarrer, Bibel, Gesangbuch, Katechismus, Kalender sprechen hochdeutsch. Ohnehin sind die Kinder schulpflichtig und beim Hobeln setzt es Spaͤhne ab.

Allein, Jedermann weiß, plattdeutsch bleibt ihr Lebenselement. Das sprechen sie unter sich, zu Hause, im Felde, vor und nach der Predigt. Das kommt ihnen aus dem Herzen, dabei fuͤhlen sie sich wohl und vergewissern sich, daß sie in ihrer eigenen Haut stecken, was ihnen, sobald sie hochdeutschen, sehr problematisch wird.

Der erste Schulgang macht in der Regel auch die erste Bekanntschaft mit der hochdeutschen Sprache. Mit Haͤnden und Fuͤßen straͤubt sich der Knabe dagegen. Ich bedaure ihn, er soll nicht bloß seine bisherige Freiheit verlieren, unter die Zuchtruthe treten, buchstabiren lernen, was auch andern Kindern Herzeleid macht; er soll uͤberdies in einer Sprache buchstabiren und lesen lernen, die er nicht kennt, die nicht mit ihm aufgewachsen ist, deren Toͤne er nicht beim Spiel, nicht von seiner Mutter, seinem Vater, seinen kleinen und großen Freunden zu hoͤren gewohnt war. Alles was er von diesem Augenblick an liest, lernt, hoͤrt in der Schule und unter den Augen des Lehrers, klingt ihm gelehrt, fremd, vornehm und tausend Meilen von seinem Dorf entfernt. Daß der rothe Hahn in seiner Fibel kraͤht und der lebendige in seinem Hause krait, scheint ihm sehr sonderbar. In der Bibel nennen sich alle Leute du, der Unterlehrer sagt zum Oberlehrer sie, er aber ist gewohnt, bloß seine Kameraden zu dutzen, Vater, Mutter und andere Erwachsene mit he und se anzureden. Kommt an ihn die Reihe zu lesen, laut zu lesen, so nimmt er die Woͤrter auf die Zunge und stoͤßt sie heraus wie die Scheiben einer Frucht, die er nicht essen mag, weil er sie nicht kennt. Was er auswendig lernt, lernt er nicht einwendig. Was ihm allenfalls noch Vergnuͤgen macht, ist der gemeinschaftliche Gesang am Schluß der Schule und auf Kirchbaͤnken. Von Natur mit einer hellen durchdringenden Stimme begabt, wetteifert er mit dem Chor um die hoͤchsten Noten, betaͤubt seinen Kopf und findet eine Art Vergnuͤgen und Erholung darin, dieselben Verse des Gesangbuches bloß herauszuschreien, die er zu anderer Zeit auswendig lernen muß.

Erreicht er das gesetzliche Alter, so wird er konfirmirt. Wer ist froher als er. Nun tritt er voͤllig wieder in das plattdeutsche Element zuruͤck, dem er als Kind entrissen wurde. Er hat die ersten Forderungen des Staates und der Kirche erfuͤllt. Er hat seinen Taufschein durch seinen Confirmationsschein eingeloͤs't. Ersteren bekam er ohne seinen Willen zum Geschenk, um letzteren mußte er sich, auch wider seinen Willen, redlich abplacken.

Auf beide Scheine kann er spaͤter heiraten und Staatsbuͤrger werden.

Was ist die Frucht dieses Unterrichts? Er hat rechnen, lesen und schreiben gelernt. Er kann auch lesen und schreiben, aber er lies't und schreibt nicht. (Umgekehrt der franzoͤsische Bauer, der kann nicht lesen, aber er laͤßt sich vorlesen). Ich frage also, was ist die Frucht dieses hochdeutschen Unterrichts? Welchen Einfluß uͤbt derselbe auf sein Geschaͤft, auf seine Stellung als Familienvater, Staatsbuͤrger, Glied der Kirche, der sichtbaren, wie der unsichtbaren?

Folgen wir ihm, wenn er aus der Kirche kommt. Die Predigt ist herabgefallen, der Gesang verrauscht wie ein Platzregen auf seinen Sonntagsrock, zu Hause zieht er diesen aus und haͤngt ihn mit allen Worten und himmlischen Tropfen, die er nicht nachzaͤhlt, bis zum kuͤnftigen Sonntag wieder an den Nagel. Frage: kann er die hochdeutsche Predigt hochdeutsch durchdenken, spricht er mit Nachbaren, mit Frau und Kindern hochdeutsch vom Inhalt derselben, ist er gewohnt und geuͤbt, ist er nur im Stande, den religioͤsen Gedankengang in's Plattdeutsche zu uͤbersetzen? Antwort: schwerlich. Frage: hat ihn die Predigt das Herz erwaͤrmt, den Verstand erleuchtet? Antwort ein Schweigen. Armer Bauer, vor mir bist du sicher, ich lese dir daruͤber den Text nicht. Kannst du etwas dafuͤr, daß der Kanzelton nicht die Grundsaite deines Lebens beruͤhrt, daß jener Nerv, der von zart und jung auf gewohnt ist, die Worte der Liebe, der Herzlichkeit, des Verstaͤndnisses in dein Inn'res fortzupflanzen, nicht derselbe ist, der sich vom Klang der hochdeutschen Sprache ruͤhren laͤßt. Wer auf der Gefuͤhlsleiter in deine Herzkammer herabsteigen will, muß wollene Struͤmpfe und hoͤlzerne Schuh anziehen, in schwarzseidenen Struͤmpfen dringt man nicht bis dahin. Wuͤßte man nur, begriffe man nur, wie es in deinem einfaͤltigen Kopf zusteht und daß die hochdeutschen Woͤrter und die plattdeutschen Woͤrter, die du darin hast sich gar nicht gut mit einander vertragen, sich nicht verstehn und sich im Grund des Herzens fremd, ja feind sind. Die plattdeutschen Woͤrter sind deine Kinder, deine Nachbaren, dein alter Vater, deine selige Mutter, die hochdeutschen sind der Schulmeister, der Herr Pastor, der Herr Amtmann, vornehme Gaͤste, die dir allzuviel Ehre erweisen, in deinem schlechten Hause vorzukehren, mit dir vorlieb zu nehmen, Woͤrter in der Perruͤcke, in schwarzem Mantel, welche deine und deiner plattdeutschen Wort Familie Behaglichkeit stoͤren, dich in deiner Luft beeintraͤchtigen, dir bald von Abgaben, bald von Tod und juͤngsten Gericht vorsprechen, Grablieder uͤber deinen Sarg singen werden, ohne sich uͤber deine Wiege gebuͤckt und Eia im Suse und andere Wiegenlieder gesungen zu haben. Armer Bauer, ich habe dich immer in Schutz genommen und diese Schrift, obgleich du sie nicht lesen wirst, ist eigentlich nur fuͤr dich und zu deinem Heil und Besten geschrieben. Viele Leute aus der Stadt klagen dich an, daß du trotz deiner Einfalt verschmizt bist, trotz deiner Rohheit nicht weniger als Kind der Natur bist, sie sagen, daß du dir eine und die andere Gewissenlosigkeit gar wenig zu Herzen nimmst. Aber ich habe ihnen immer geantwortet, unser Bauer hat nicht zu wenig Gewissen, er hat zu viel. Er hat zwei Gewissen, ein hochdeutsches und ein plattdeutsches, und das eine ist ihm zu fein, das andere uns zu grob und dickhaͤutig. Zu diesem wird ihm in seinem eigenen Hause der Flachs gesponnen, jenes webt ihm die Moral und die Dogmatik; in dem einen sitzt er wohl und warm und es ist sein Kleid und Brusttuch so lange er lebt, in dem andern friert ihn und er haͤlt es nur deswegen im Schrank, um damit einmal anstaͤndig unter die Schaar der Engel zu treten.

Ist ihm sein Verhaͤltniß zum Staat durch den hochdeutschen Unterricht vielleicht klarer geworden, als sein Verhaͤltniß zur Kirche? Erwirbt er sich durch das hochdeutsche Medium, das einzige, das ihm Aufschluͤsse uͤber eine so wichtige Angelegenheit geben kann, Kenntnisse von seinen Rechten und Pflichten im Staats-Verein, ist ihm dadurch ein Gefuͤhl von Selbststaͤndigkeit, ein Bewußtsein von den Grenzen der Freiheit und des Zwanges, von Gesetz und Willkuͤhr aufgegangen, Gemeinsinn geweckt: sein dumpfes egoistisches Selbst zu einem Bruderkreise erweitert, der Wohl und Weh an allen Gliedern zugleich und gemeinschaftlich spuͤrt? Wie das alles? Seine Beamte klaͤren ihn nicht auf und er selber — er liest nicht, er nimmt keine Schrift, kein Blatt zur Hand, er laͤßt sich auch nicht vorlesen, das ist gelehrt, hochdeutsch, geht uͤber seinen Horizont, laͤßt sich nicht weiter besprechen, sein Verstand hat kaum einen Begriff, seine Sprache kein analoges Wort dafuͤr. Armer Bauer. Und wenn Wunder geschaͤhen und die tausend Stimmen der Zeit, die fuͤr dich und an dich gesprochen, dein Ohr nicht erreichen, wenn sie sich verwandelten und ergoͤßen in eine goͤttliche Stimme, die vom Himmel riefe: Bauer, hebe dein Kreuz auf und wandle — du wuͤrdest liegen bleiben und sprechen: das ist hochdeutsch.