Doch, das alles wird euch ein mecklenburgischer Bauer besser auseinandersetzen — wenn ihr nach einem Hundert oder Zweihundert Jahren zu reveniren Gelegenheit finden solltet.

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Im vorherigen Abschnitt habe ich besonders oder ausschließlich nur auf die durch die herrschende plattdeutsche Sprache verhinderte und daher auch trotz dem Unterricht im Hochdeutschen verfehlte Bildung des Landmanns Ruͤcksicht genommen[5]. Es ist aber auch schwer, wenn von der gewerbtreibenden Klasse, der großen Bevoͤlkerung norddeutscher Staͤdte die Rede ist, die Hemmung und Stockung zu verkennen, welche die plattdeutsche Sprache, wo sie dem taͤglichen Umgang angehoͤrt, uͤber die Koͤpfe verhaͤngt. Man stoͤßt sich da, wo der Block liegt, nur sind die Pfaͤhle, welche den engen plattdeutschen Ideenkreis in der Stadt wie auf dem Lande begrenzen und umpfloͤcken, hier mehr roh, dort mehr spießbuͤrgerlich abgeschaͤlt und hollaͤndisch uͤberpinselt, das ist der Unterschied. Doch giebt es besonders aus groͤßeren norddeutschen Staͤdten, eine erfreuliche Thatsache zu berichten. Viele aus den mittleren achtbaren Staͤnden, Handwerker u.s.w. haben in neuer und neuester Zeit angefangen, sich und ihren Familien eine andere Stellung zur hochdeutschen Sprache und Kultur zu geben, als von ihren Vaͤtern und Vorfahren eingenommen wurde. Ruͤhmlich ist es, was diese fuͤr ihre Kinder thun, mit wie viel Opfern sie oft ihren Lieblingen Gelegenheit verschaffen, sich fuͤr ihren kuͤnftigen Stand so zu befaͤhigen, daß sie nicht, wie jetzt noch die Meisten aus dieser Klasse, mit leeren Haͤnden und offenen Maͤulern den Strom der Einsichten, Ideen, Kenntnisse und Bestrebungen an sich voruͤberrauschen sehen, der Europa, Amerika, die Welt erfuͤllt. Ruͤhmlich und verstaͤndig zugleich, denn es leitet sie der richtige Takt in der Beobachtung, daß Besitz und Vermoͤgen in der Welt immer mobiler werden, daß im raschen Wechsel der Dinge, außer dem blinden Gluͤck, worauf zu rechnen Thorheit waͤre, Verstand und Kenntnisse, die aͤchten Magnete sind, um den aus den Taschen der Erwerbenden und Genießenden lustig hin und her wandernden Besitz anzuziehen, zusammenzuhalten und zu vermehren.

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Waͤhrend der niedersaͤchsische Bauer bis uͤber Kopf und Ohren im Plattdeutschen steckt, der Buͤrgersmann aber schon anfaͤngt, sich zwangloser, als bisher, des hochdeutschen Mediums zu bedienen, sollte man vom Gebildeten par exellence, vom Musensohn, vom Beamten des Staats und der Kirche u.s.w. aussagen duͤrfen, daß er sich mit voͤlliger Freiheit und Lust in hochdeutscher Sprache und Bildung bewegte und vom plattdeutschen Idiom nur außer und unter diesem Kreise Gebrauch machte. Allein die Sache verhaͤlt sich anders. Ich muß in dieser Hinsicht Gedanken aͤußern, Erfahrungen mittheilen, welche meinem Gegenstande eine ganz eigentuͤmliche uͤberraschende Wendung geben.

Thatsache ist naͤmlich, daß die plattdeutsche Sprache Haus- und Familiensprache in Tausenden von Beamtenfamilien, Lieblingssprache auf allen norddeutschen Universitaͤten ist. Diese Sprache also, die ich als Schranke alles Strebens und Lebens, als Feindin der Bildung betrachte, ist dieses so wenig in den Augen vieler meiner Landsleute, daß sie den vertrautesten Umgang mit ihr pflegen, daß sie ihr, der von Kanzel und Lehrstuhl und aus guter Gesellschaft laͤngst Vertriebenen, eine Freistaͤte am Heerde ihres Hauses gewaͤhren.

Hier im Schooß der Familien erscheint sie als Exponentin der innigsten Verhaͤltnisse. In Scherz und Ernst fuͤhrt sie oft das Wort, sie ist Vertraute der Gattenliebe, Organ der Kindererziehung, Sprache des Herzens, Lehrmeisterin der Sitte und praktischer Lebensklugheit. Hier hat sie auch meistens ihre Rohheiten abgelegt, kehrt die beste Seite heraus und scheint sich, gleichsam durch ihr Ungluͤck gebessert, des Vertrauens wuͤrdig zu machen.

Kommt hinzu, daß ihre Schutzherrn nicht selten Maͤnner von Talent, Geist und Namen sind. Beruͤhmte Lebende koͤnnte ich anfuͤhren, ich begnuͤge mich den seligen Johann Heinrich Voß zu nennen, der nicht allein in Eutin, sondern noch in Heidelberg bis an seinen Tod mit Frau, Familie und norddeutschen Gaͤsten am liebsten und oͤftersten plattdeutsch sprach.

Das sind Thatsachen. Wie gleiche ich sie aus mit der Behauptung, die plattdeutsche Sprache sei Feindin der Bildung, des Ideenwechsels, der geistigen Lebendigkeit; jetzt, da ich selbst nicht umhin konnte, Maͤnner von Geist und Talent, von Gelehrsamkeit, rastloser Thaͤtigkeit, Maͤnner wie Voß als plattdeutsche zu bezeichnen?

Freilich, ich koͤnnte den nachteiligen Einfluß der plattdeutschen Sprache eben nur auf das Volk und die Volksbildung beschraͤnken. Ich koͤnnte mich etwa, um dem gebildeten Plattdeutschen allen Anstoß aus dem Wege zu raͤumen, folgendermaßen daruͤber ausdruͤcken: absolut dem Geiste lethal ist das Plattdeutsche nur, wo hochdeutsch, sanskrit und boͤhmische Doͤrfer gleich bekannt sind, wie hie und da in Pommern und Meklenburg; was denn von den groͤßten Freunden des Plattdeutschen zugegeben werden muͤßte, da gar nicht zu laͤugnen, daß an sich und fuͤr sich dasselbe nichts Lebendes und Bewegendes enthalte, sondern Todt und Stillstand selber sei; geistig hemmend und laͤhmend bleibt aber das Plattdeutsche immer noch aus der Stufe der Gesellschaft, wo ihm zwar das Hochdeutsche verstaͤndlich naͤher getreten, aber noch als ein Fremdes gegenuͤber steht; ohne schaͤdlichen Einfluß und gleichsam indifferent fuͤr Geist und Bildung zeigte sich die plattdeutsche Sprache, da, wo sie der hochdeutschen nicht als Fremde gegenuͤber steht, sondern schwesterlich zur Seite geht.