Zu dieser letzteren Gattung gehört auch der „Schandfleck“, der erste große Roman Ludwig Anzengrubers, der Weihnachten 1876 als Buch herauskam, nachdem er zuvor in der österreichischen Familienzeitschrift „Die Heimat“ veröffentlicht worden. Der Dichter stand auf der Höhe des Ruhmes. Der „Pfarrer von Kirchfeld“, der „Meineidbauer“ und die drei Meisterkomödien „Kreuzelschreiber“, „Gewissenswurm“ und „Doppelselbstmord“ hatten die Probe im Rampenlicht glänzend bestanden, dagegen war der Erzähler Anzengruber bisher nur mit kurzen Geschichten und Märchen hervorgetreten. Würde der große Roman den Vergleich mit den Dramen vertragen?
Die Frage war nicht unbedingt zu bejahen. Während der erste, im Dorfleben wurzelnde Teil der Erzählung vortrefflich geglückt war, fiel die Geschichte im zweiten Teil — Schauplatz Wien — merklich ab. So ungleichwertig waren die beiden Hälften, daß Geibel beim Lesen den Eindruck gewann, als ob eine fremde Hand den Roman von der Mitte ab fortgeführt habe, und Berthold Auerbach schlechthin erklärte, so kraftvoll und plastisch der erste Teil sei, so „unbegreiflich abgeschmackt“ sei der zweite. Wir wissen heute, worauf das beruhte: der Dichter gab leider der Einwirkung nach, zugunsten der Zeitschrift und ihres Leserkreises den Schauplatz vom Dorf in die Stadt zu verlegen. Die Stadt aber, wenn sie auch Wien heißen mochte, blieb stets seiner Muse ein fremdes Gebiet.
Die heutige reife Gestalt des Romans ist das Werk einer späteren Umarbeitung, und daß sich der Dichter dazu bereit fand, bereit finden konnte in seiner Lage, die ständig ein Kampf um das tägliche Brot war — das ist das Verdienst eines trefflichen Mannes, der Anzengruber die Möglichkeit schenkte, eine Weile dem drängenden Tageserwerb zu entrinnen. Ohne sich selbst zu erkennen zu geben, ließ er dem Dichter im Herbst 1879 von Hamburg aus „als die Spende ungenannter Freunde seines Talents“ die Summe von tausend Gulden zur Verfügung stellen und daran den Wunsch der Verehrer knüpfen, es möge der „Schandfleck“ die Fassung erhalten, die dessen ursprünglichem Anlageplane entspräche.
Anzengruber hat lange gezögert, das Angebot sich zu eigen zu machen. Wohl kannte er selbst die Achillesferse, doch bangte ihm nicht allein vor dem harten Stück Arbeit einer tiefgreifenden Umgestaltung des „Schandfleck“, die für beträchtliche Zeit alle anderen Pläne zurückdrängen mußte, er glaubte auch hinter dem Angebot jenen selbstlosen „allerentferntesten“ Freund zu erkennen, der wiederholt seine lebhafte Teilnahme an dem Roman schon betätigt hatte: den feinsinnigen Ästhetiker Wilhelm Bolin, der als Professor und Bibliothekar an der Universität Helsingfors wirkte. Durfte er aus dieses Freundes Hand solch ein Geldopfer hinnehmen? „Ein Anbot, wie es mir gemacht wird, kommt nicht ohne irgendeinen Anstoß,“ schrieb er am 9. November 1879 dem Hamburger Mittelsmann, „das kommt nicht von einer Anzahl Leser, die bloß an dem Autor teilnehmen, das kommt von einer auch dem Menschen befreundeten Seite; ich denke nun — ich weiß es allerdings nicht, aber ich halte mich für berechtigt, es zu denken — daß ich keinen Freund habe, dem in der fraglichen Angelegenheit selbst nur durch die Ergreifung der Initiative nicht ein Opfer auferlegt wäre, und ein solches anzunehmen, dazu halte ich mich nicht berechtigt.“ Erst als die ungenannten Freunde seine Bedenken zerstreut und ihm ausdrücklich versichert hatten, daß keinerlei Opfer vorwalte, nahm Anzengruber die Geldspende an. Sobald er einigermaßen die Hände frei habe, werde er sich an die Neuschöpfung machen, die eine gewisse Feiertagsstimmung bedinge; Werkeltagsarbeit vertrüge die Sache nicht.
Es war, wie der Dichter ganz richtig vermutete, wirklich Bolin, der ihm über Hamburg hinweg die gefüllte Freundeshand reichte, doch hat er zeitlebens den Sachverhalt nicht erfahren. Erst 1890 lüftete Wilhelm Bolin sein Inkognito durch die Erklärung, er habe das Honorar für seine schwedische Bühnenbearbeitung Shakespeares nicht besser verwenden zu können geglaubt, als zur Erlösung des Schandfleck-Romans aus der ihm durch redaktionelle Willkür aufgezwungenen bösen Entstellung.
Für Anzengruber bedeutete damals die Spende nicht wenig. Viel größer jedoch ist der Dauergewinn, den sein schwedischer Freund unserer deutschen Literatur dadurch sicherte.
Leipzig, Dezember 1919.
Carl W. Neumann.
Der Schandfleck