Du? fragte Ludwig mit großen Augen.

Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in England geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame Sache zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß verköstigt; er wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren helfen, und von dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine solche vielleicht wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst müssen bezeugen, daß sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren; vielleicht aber erlangt er sie auch nicht.

Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein unseliger Fluch! rief Ludwig.

Nun, ich muß bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu quälen, schloß Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.

Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren Eigensinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen benahm jenes Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das Vermögen seiner Mutter gegen das seines Vaters festzustellen, und die Erben in diejenigen Rechte einzusetzen, die sie nach dem Gesetze beanspruchen konnten. Als er mit Ludwig und Vincentius Martinus, der auch einigermaßen bedacht worden war, sich gemeinschaftlich über seine Angelegenheiten unterhielt und der Letztere äußerte: Du wirst doch, lieber Leonardus, nun bei uns bleiben, wirst dein eigenes Geschäft beginnen und uns die Freude machen, dich in unserer Verwandtschaft zu behalten und deine alte Mutter pflegen? – da antwortete Leonardus: Ich werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr bedürft meiner nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der seinen Mantel theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll mindestens keiner von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte bekommt – ich will es machen wie mein Vater, will die nächsten Verwandten hintansetzen und mir selbst einen Erben suchen, der mein Mantelkind sein soll. Hier steht er, es ist mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus.

O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und gefreit wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du schon für mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen konnte; mir zu Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen!

Was thut’s? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.

Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht, Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen, welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu fertigen?

Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost briet. Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus, nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr mich gern ins Haus schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen, glaub’ ich euch gern, werdet’s aber nicht an mir erleben – ich will mir erst noch ein und das andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf ein recht langes Leben gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn ich denke es noch eine hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du sollst auch stets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht mehr schreibe, so denke, daß ich gestorben bin, und lies dann für meine arme Seele so viele heilige Messen, als dir für mein unsterbliches Theil heilsam dünkt.

Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!