Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber um Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht ertrüge ich nicht, sie würde mich augenblicklich tödten.
Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte Leonardus ihr zu.
Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna van der Valck.
Ihr sollt sie nicht empfangen, es stürben denn zwei, wiederholte Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der längst in seiner Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Großmuth und Hochherzigkeit der Gesinnung erfüllt war, daß sie an die edelsten Seelen des Menschengeschlechts hinanreichte. –
Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen, die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fügung erst nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und dorthin. Ludwig hatte das glücklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er trat in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands; er sah sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, daß es ihm fast die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry Cavendish als Vetter begrüßen, der später eine Königin von Großbritannien durch die Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu verlassen und auf lange Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren; der zur Herrschaft eines General-Gouverneurs von Indien sich emporschwang und von den Eingeborenen das schwere Zugeständniß erzwang, auf das Verbrennen ihrer Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen stolzen Herzog William Cavendish, einem der unbeugsamsten Häupter der Opposition, wurde Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen Unterhaltungen mit diesem geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr Politik und mehr Einblick in das höhere Staatsleben und die höhere Staatenlenkung, als mancher sehr achtungswerthe Staatsmann durch sein ganzes Leben in seinen Kopf zusammen zu bringen vermag. Entschiedener Gegner Pitts und Freund von dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt der Herzog gegen Niemand mit seiner politischen Ansicht zurück, und seine Gemahlin, die herrliche, reizvolle Prachtgestalt, die Alles um sich fesselte, theilte die Gesinnung ihres Gemahls und gab Proben ihrer eigenen thätig eingreifenden Begeisterung für die Erreichung politischer Zwecke, welche die Welt in Staunen setzten. Sie war es, diese allbewunderte Georgine, die einen Bund gleichgesinnter Freundinnen gründete, der persönlich in die Wahlen sich einmischte, als es galt, Charles James Fox die Stimme des Volkes für die Stelle eines Parlamentsmitgliedes von Westmünster zu gewinnen; sie war es, die auf offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für seine Stimme für Fox zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmähend, gebeten – ihm einen Kuß ihres wonneschönen Mundes vergönnt hatte.
Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit der zärtlichsten Liebe für Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war für den jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berühmteste Aerzte mußten ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne daß sie ergründeten, was dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein ernster Beruf und ein entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn verstand. Und dies Herz fand Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist den seinigen emporflügelte, die ihm den Blick schärfte für die Geschicke der Länder, für den Gang der Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen Flug der Gedanken zu fliegen und zu lernen, daß doch so Vieles nichtig und unwesentlich, was Viele für so groß und wichtig halten, wobei sie meist mit dem eigenen unbedeutenden Ich beginnen.
Wohl hörte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der holden Rede seiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er sich nirgend so sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war eben mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es war jener wundersame Zauber, der sie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie das Fächeln eines süßen Maienlüftchens die Blüthenlauben eines Rosengartens. Magisch fühlte Ludwig von Georgine sich angezogen, wie ein höheres Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte sie mit zartem Gefühl ihn stets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder half sie ihm wählen, deren Inhalt ihm müßige Stunden belehrend ausfüllen half, sie wandelte mit ihm durch die Labyrinthe der speculativen Philosophie, sie berichtigte seine Ansichten, verwarf oder bestärkte seine Meinungen, lehrte ihm Sinn für Unabhängigkeit, und wie der denkende Mensch nur durch strenge und unausgesetzte Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung letztere sich gewinnen könne. Georgine erzog Ludwig zum zweitenmale, und zwar besser und in ungleich kürzerer Zeit, als die Großmutter diesen erzogen hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit mit stillem Ernst paarend, verscheuchte Georgine Ludwig’s anfänglichen Trübsinn, war auf Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher praktisch-nützlichen Beschäftigung hin, zu kleinen Ausflügen und erzählte ihm von der Pracht der Schlösser, Parke und Berge der Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit Sehnsucht erwartet, um dann durch die grünen Gefilde hinzuziehen zur Lust, zur Jagd, zum Besuch der Schlösser mit der Fülle von tausend Annehmlichkeiten und aufgehäuften Schätzen der Literatur und Kunst. Wohin Ludwig nur immer seine Blicke wenden mochte, gab es Neues zu beschauen, zu bewundern und zu lernen, und Albions milde Natur, früh erwachend trotz des strengen Winters, unter dessen Härte andere Länder zu klagen und zu leiden hatten, athmete reinen Hauch der Genesung, und in mancher ländlichen Abgeschiedenheit meilenweiter Parke bot sich in lieblichen Cottagen die süße Beschränkung eines idyllischen Friedens. Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil es so in seinem Wesen, in seiner Jugendbildung und in seiner Gemüthsrichtung lag; er war auf die Dauer nicht für die Politik zu gewinnen, nicht für die Freuden der Jagd, noch viel weniger für Fuchshatzen und Kirchthurmrennen – und mit Lächeln hörte er es an, als die feurige Georgine ihn einmal gradezu deßhalb ausschalt und zu ihm sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher Träumer!
Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes, aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter gekannt, nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterkuß meine Lippen berührt und geweiht und geheiligt. Die Großmutter sagte mir beim Abschiede, ich solle deutsch gesinnt bleiben; kann ich nun dafür, wenn mein Gehorsam so blind ist, daß ich nicht in Holland, nicht in Frankreich und nicht in England meine deutsche Natur zu verläugnen vermag? Daß ich nie ein Holländer, nie ein Franzose und nie ein Brite werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn mein Wunsch, meine Forderungen an das Leben nur bescheiden sind, wenn ich höheren Zielen nachzustreben kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld mit mir, der nur zu tief empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich wie ich bin, oder heißen Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem schönen Asyle, das in Ihrer Nähe sich mir aufgethan!
Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor Ludwig sorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die hochstehende, vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Königin aller Schönheit und aller Würde; die reiche unendliche Fülle ihres Gemüthes hatte sie ihm zum Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf daß nicht der weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntniß dann vergehe, wie Semele verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte.
Sie liebte ihn, den schönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber sie bebte zurück vor der Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prüfen, mit der er tragen würde das unaussprechlich tiefe Geheimniß. Aber sie vermochte sich nicht mehr zu halten. Sie überstrahlte Ludwig mit einem wunderbar süßen und zärtlichen Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte – ach, er stand so scheu, mit so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wußte nicht, wie ihm geschah, als Georgine ihn plötzlich sanft umfing, seine Stirne küßte und mit bebender Stimme flüsterte: Ludwig! Ludwig! Du klagst, daß nie ein Mutterkuß deine Lippen berührt und geweiht und geheiligt habe! Nun denn so empfange diesen Kuß! Ludwig, mein Ludwig! Ich bin deine Mutter!