Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und vielgeprüften Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle Feuerproben der drangvollsten Erlebnisse bestanden.
Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist die alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet werden, wie es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser Zeit Schlösser am Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen, wie es gekommen ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird; ich bin eben immer der dumme gutmüthige Narr.
Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten, und brachte eine Flasche alten Port à Port daraus zum Vorschein.
Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie Lehmbrühe.
Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein zu wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär’ ich ohne deine treue Hülfe! rief Windt, ließ sich willig einschenken, trank und begann zu lesen:
»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe, und daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe. Mir ist von den französischen Generalen und Commandanten mit einer Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner, Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten, während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als ich Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich. Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch sonst um Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der hiesigen Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben, brauchen nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden sie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande, in meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine Lage, die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte hier am siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden Excellenz aus den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich mit Bestimmtheit mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter, fröhlich und guten Muthes ist – sehr gut für ihn. Sobald als möglich denke ich selbst ihn aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu erfahren, wie es um ihn steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die Emigranten es hier getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem derselben zu. Hätten diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre nicht so unglücklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wären es nicht.«
Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hättest du nicht schreiben sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?
Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz schrieb, ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie liebt und die sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend ihren »alten Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz recht, ich sage immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz meinen Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine Wahrheiten nicht übel aufzunehmen.
Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort: »Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu schreiben: Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam. Ueber Amsterdam ist und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum Pettschaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer Devise, sonst schmeißt die Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam von Seiten der Municipalität eine Commission ernannt, an welche Briefe nach Hamburg und Bremen offen eingeliefert werden müssen, ich schließe daher diesen meinen Brief an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf Ludwig hier gewesenen braven Holländers Leonardus van der Valck ein und ersuche Excellenz, Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen zu lassen, auch wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse dieses Briefes nicht wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen einer Herrlichkeit, Seigneurie, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer Excellenz Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine dänische Gräfin sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die Aeußerungen der französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es gibt für diese keinen Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie man im lieben deutschen Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche! zu sagen pflegt. Sehr lieb ist mir, daß der Wechsel auf die zwanzigtausend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen können Excellenz dieser Angelegenheit halber ruhig schlafen. Sie sind noch zur Zeit durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines vielleicht übertriebenen Diensteifers, ich machte in der Stille mit dem Erbherrn, mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mündlich auf Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil Sie dessen bedurften und Sie gleich mir Emigranten zu verköstigen hatten; fast scheint mir, und die Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies vermuthen, als seien Glauben und Treue zu den verrufenen Münzen gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als ächte in Hochdero berühmter Sammlung prangen, und über welche Ihnen der Herr Abbé Eckhel in Wien so vieles Aufklärende geschrieben hat.«
Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst es zu arg, du beleidigst!