Nicht das Eine, nicht das Andere wünsche ich, Bürger, erwiederte Windt: ich wünsche den Hausherrn zu sprechen.
O, die nicht sein hier – gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden sein hier, ich nicht werden sein hier, il est emigrée – sie sind gegangen fort. Ich aben die Err su sein un Vivantier, si voulez vous de vin, ou si voulez vous des liqueures. Von die slecht emigrées weißen ik nix.«
Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll französischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden.
Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen verändertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die Mühen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflüsse der Witterung und suchte die Besorgniß seiner Mutter soviel als möglich zu zerstreuen. Windt besorgte alle seine Geschäfte in Amsterdam, ging nach der vormaligen Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er zum Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus binnen vier Tagen habe geräumt werden müssen, daß man das Mobiliar des Erbherrn gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts wisse.
Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal der tausend Säulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man fleißig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und über die Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie überall, nämlich so, daß die Weltgeschicke sich nachträglich ganz anders gestalteten, wie die politischen Kannegießer sie prophezeiten.
Windt hatte ein niederländisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte die Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt!
Was gibt es, was haben Sie? fragte gespannt Leonardus.
Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles verrathen! Da muß der Donner hineinfahren!
Darf ich nicht erfahren –? fragte Leonardus.
Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den Plan verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt’ ich ihm umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte Jener, und flüsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte darum, auch Fluit wußte darum; dieser befehligt jetzt, weil England den holländischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des Erbherrn, die schöne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen, Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild, andere Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor Muiden in der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht entkam, aber ohne die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um ihnen das Entwischen schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein gottverdammter Schwätzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus, ehe sie erfolgt war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese Anzeige, die das Uebel nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch strenger macht, und auf’s Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schärft. Da lesen Sie!