Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor, daß er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen, zufällig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine Angés ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand, auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde ich von meiner angestrengten Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mußte daran gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr möglich war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen war, und der mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen und in Haft zu nehmen.
Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht nahen; ich umkreis’te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde Unterricht in Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch, und der Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl that mir diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen Fluren am Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge Deutschlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führten, stets im Auge behielt; dabei spähte ich fleißig umher, ob ich nicht etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und still. Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hause im sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; sie traten heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich schönen Sylphen, welche ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich im Tagesglanze umherzuschweben.
Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der vom Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes. Ich nahm einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als ich aus diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach dem Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere, als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy? Kennst du deinen Mann nicht mehr?
Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig: Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!
Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!
Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!
Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von allen Bergwänden des Thales zurückhallte.
Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit brechendem Blick: Leonardus! Leonardus!
Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug, daß er nieder taumelte.
In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte den lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha! das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener Hunde, die mich fingen und in’s Wasser warfen! Sollst an mich denken, Hund! – Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.