Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll! brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter Mann, ist treu wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von Kaisern!
Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen.
Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der ganze Mann erkannt!
Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.
A la Citoyenne Varel am Jungfernsteig à Hambourg, franco Amsterdam.
An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen? Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel! Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens, und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die Umschrift? Lesen Sie!
»Je suis libre!« las die zitternde Kammerfrau.
Je suis libre! fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die Livrée will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen Bedienten! Ich will ihm sein »je suis libre« anstreichen, ich, sage ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Bürgerin Varel! Bürgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen!
Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief wurde mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt. Gleich im Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine hohen Verwandten zu schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein Citoyen – wie ich eine Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe Windt! Vielleicht will er auch mit mir theilen? Ich soll nicht mit meinem angeborenen und angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde führte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über die närrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein vernünftiges Wort, aber nicht närrisch ist diese Aufschrift – sie ist verrückt! Was die Herren französischen Generale über meine gräfliche Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Fürsten, Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder sich Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die Paduanischen nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie – ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur unter den Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!
Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den Freiheitsbäumen? Hat noch keinen setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. – Durch diesen Gedanken versöhnlicher gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfin von Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Holländer wurde Meldung gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger in das Kastell gebracht würden. »Ich bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar unter dem Namen le citoyen d’Autrefér – denn Doorwerth können sie nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich habe so viele Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so viel Zeit, um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum einigen Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber hatten ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«