Ein böses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brünings und zog die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr Haushofmeister, erkälten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen haben.
Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen über Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach Kniphausen dahin. Herr Brünings aber hatte sich doch geirrt; die hochbejahrte Frau, die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den Wunsch einer dem Tode nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in Schleier gehüllt und saß während der ganzen Fahrt still und regungslos im Wagen. Vor ihr hatten Windt und dessen Schwester den Rücksitz eingenommen. Da die Herrin nicht redete, wagten auch ihre Begleiter nicht zu sprechen. Die Made war furchtbar angeschwollen, fast war die Brücke bedroht, jetzt zeigte sich formlos in Nebelschleiern das stattliche Schloß, grau wie ein Gespensterhaus.
Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei herüber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer sein Nest hatte, schrie so laut und ängstlich. Noch eine bange Viertelstunde und Schloß Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des Jahres 1799.
Der Erbherr trat der Reichsgräfin verstört entgegen, es war ein trauriges Wiedersehen. Großmutter und Enkel wechselten nur wenige Worte, die Dienerschaft stand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele hatten verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche Sorge sehr verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er hatte seine Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und verletzendes Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und ihrer idealen Anschauung des Lebens stimmte – wenn auch, was ihrem scharfen Blick nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau, die erst während seiner Abwesenheit in das Schloß gekommen war, und, obschon die Tochter eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch ungemein viel Bildungsfähigkeit besaß, ihn sichtbar interessirte und unruhig machte. Es war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes.
Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab, in welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand; Windt war bei ihm, ihre Gespräche galten Doorwerth.
Im Zimmer Sara’s weilten Ottolinens Kinder; die älteste Tochter Maria Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mädchen von sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück gewesen, und nun dieses liebevolle, zärtliche Herz verlieren sollten.
Am Lager der schwer kranken Herrin saß die alte Reichsgräfin. Ottoline hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den tiefeingesunkenen großen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone empor.
Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche.
Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgräfin; er zog seinem Glücke nach – fast fürchte ich, er findet es niemals.
Ach, – der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals mein Leben für so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spät ihn kennen, – ach – ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich sieben Schwerter im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein Schwert der Buße, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der Hoffnungslosigkeit, ein Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen – und nun – sind sie alle von mir genommen – ich fühle keinen Schmerz mehr – ich fühle mich leicht – aber kalt. Meine Füße haben schon keine Empfindung mehr.