Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes köstliche Geräth in Falkengestalt, das sie mir schenkte – fügte Ludwig hinzu.
Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres, herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin.
Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe – ein überreicher Wunderhort der edelsten seelvollsten Weiblichkeit.
3. Das Gelübde.
Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen und umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das noch vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte. Zum zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine Wiederholung solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich sicher unter dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten Kirchenfürsten, der im Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester und letzter vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz aufgeschlagen hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten Zeiten schon das Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt hatte, Manchem eine gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte und Freunde bei sich sah.
In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer und Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige Landelin, der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem Tode Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben dem Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der Nachbarschaft waren früher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg, denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000 Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.
Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich mit anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er nahte Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen holden Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals wieder nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der Richtung nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden. Hier begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war; dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend einer drohenden Gefahr umher.
Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen schützte und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den Sohnessohn fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder – sein Verhängniß, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens glücklichste Zeit, füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem Vergnügen der Jagd aus, die er leidenschaftlich liebte, gab sich der Lust am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reisen und Ausflüge, kehrte aber stets mit neuer Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein Denken und Empfinden geweiht war.