Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben würde, entgegnete der Graf feierlich. Tief in Grabesschweigen würde ich ruhen lassen alles Vergangene, was längst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand diese Aufschlüsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich mich, daß Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu frommen solche Aufschlüsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen können sie, oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen Ahnenreihen, Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines ungetrübten innern Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was gilt uns Condé? Du hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde Sophie, indem du jene Sinnbilder auf dein Geschenk für mich sticktest. Was sollen uns die Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schöner. Was sollte uns ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schöner als das Sinnbild der Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue.

Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit.

Und weißt du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die stärksten Zweifel erheben lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel und ihrer Herrin Kind mit Stücken aus der Garderobe des reichsgräflichen bekleidet haben?

Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die Stimme der Natur?

Eins konnte Zufall und Täuschung sein wie das Andere. Mir bleibt freigestellt, für gewiß anzunehmen, daß unser verklärter Freund mein leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer eine Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbäume und seine irdischen Besitzthümer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch dieses Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel. –

Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glück den Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu gebieten hatte, unterstützten den Plan und erleichterten ihm dessen Ausführung; sie vergönnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des Geheimnißvollen um sich und seine nächste Umgebung zu verbreiten.

Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geräuschvoll war, so strebte er unablässig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu seiner Freude in dem herrschaftlichen Schloß im Dorfe Eishausen. Dieses Schloß, früher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen Liegenschaften herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum, der einem Verwalter zur Wohnung angewiesen war, völlig leer. Drei Stockwerke umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen schönen geräumigen Saal.

In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glückes still und ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zuverlässigen Mann, der sich des Geschäfts unterziehen wollte, das Schloß von der herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines Geburtstages still und glücklich in den Räumen dieses Hauses.

Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlüberdachten Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den einfachen ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz abweichend war, so wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde gelangte, bis in’s Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald war auch hier der Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und wiewohl der große Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm auszusetzen. Es erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der Mann sich so abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem Wege ging. Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er durch reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten erwies, erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie stand in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als in dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen Bewohner hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb. Kluge und alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame.

Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse. Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als fortlebender Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart jenes frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. – Ebenso gaben die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig untersagte seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es, die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt, und so kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr – ein Sonderling – ein Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener Verbrecher – an der Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen sprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen Eigenheiten hervortreten ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das Lächerlichste und Boshafteste verdreht und entstellt, wurde aufgetischt als Neuigkeit, wurde glossirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß, ohne jedoch dabei nur im Geringsten den vielen vortrefflichen Eigenschaften der beiden Verbundenen die geringste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.