Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem erschütterten. – Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl, entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, so Manches stürmt jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ängstlich und besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie – wenn ich dir entrissen würde.
O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie abwehrend.
Wozu verhüllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder färbt der Herbst die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing, hat mich bis zum Kranksein erschüttert. Was ich einst voraussagte, es ist geschehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf, treten auf zum Kampfe gerüstet, und befehden einander in diesem unseligen Jahre mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen offen vor das Auge der Welt den Familienzwist, und die Kinder meines Vetters Johann Carl nennen die Kinder meines Vetters, des regierenden Herrn aus der Ehe mit Sara Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene – und so erfüllt sich mir zur Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener verhängnißvoller Fluch! Ist das nicht schrecklich? Soll das nicht jedes Herz erschüttern? Kaum traute ich meinen Augen, als ich die öffentliche Ankündigung dieser Streitschriften in den Zeitungen las. Und du weißt, liebe Sophie, was Alles vorherging, wie der regierende Reichsgraf leiden mußte, und das gönn’ ich ihm nicht! – Als Wilhelm Gustav Friedrich durch die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft und Verbannung befreit war, sequestrirte Oldenburg immer noch seine Güter, und es mußte erst ein abermaliger Berliner Vergleich zu Stande kommen, zu welchem die Großmächte Oesterreich, Preußen und Rußland die helfende Hand boten, daß ihm Kniphausen wieder eingeräumt ward, daß er die Regierung mit Landeshoheit wieder antreten, manches der früheren Rechte wieder zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältnisse, die ja nie glänzend waren, sieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt wie eine Natter. – Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ältesten Sohne, Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutschen Güter abgetreten und ist nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines großbritannischen General-Majors anständig lebt. Was aus dem Streite weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die Versöhnung! Aber das prophezeie ich, daß diese Zeit spät, sehr spät kommen wird und erst dann, wenn ich längst von meinem stillen Schauplatz abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen ich lebte, längst alle todt sind. Möchte mein so unbesonnener Fluch, der die dunkelste That meines Lebens war – ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen! – dann mindestens gesühnt sein, wenn ich selbst der Sühnung vor dem ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwünschungen über seine Lippen gehen lassen, denn es hört sie eine dunkle dämonische Macht und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen.
Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm in der Nacht so unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt aus ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erschien.
Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des Kranken. Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie im Fieber:
Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhältnisse der Außenwelt – o wie unglücklich wird sie sein – o wie erbarmungswerth – und das ist dann mein Werk, ich Unglückseliger! Ich rang nach dem hohen Gute, ich errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem Gelübde. Das Gelübde hab’ ich unerschütterlich gehalten, aber meine Eigensucht hat nicht daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden könnte!
Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen Fieberglut, er fühlte sich völlig machtlos und sah im Fieber, wie eine hohe, dunkelverhüllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten Lilie glich, auf ihre Arme nahm und sie von hinnen trug, weit, weit fort. Immer sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen, immer weiter und weiter schritt jene Gestalt in eine unermeßliche öde Ferne, wurde immer kleiner, endlich war sie so weit, daß sie mit dem Dunkel der Ferne verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und heller, je weiter sie von ihm weggetragen wurde – endlich war auch sie nicht mehr sichtbar, sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner Stern.
Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fühlte sich der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in einen ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das Bett hüten. Wie er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande war, erhielt der Geschäftsführer einige Zeilen, mit zitternder Hand geschrieben, die ihn, was nicht selten geschah, zu einer Unterredung nach Eishausen einluden.
Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing, welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war sehr krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben ist. Ich habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre, ersetzt. Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngst an mich gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen Schuldigen – sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde. Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gemäß ist, doch ohne Weitläufigkeiten; Sie wissen, daß ich diese nun einmal nicht liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten, Schreiber – nur das nicht!
Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschäftsführer, Eurer Gnaden gehorsamst auseinanderzusetzen, daß und wie –