Es war nicht Alles formell hergegangen bei diesem Begräbniß. Sophiens Hülle ruhte schon im kühlen Erdenschooße, als erst Anzeige, und zwar die zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der geheimnißvollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte Bericht von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Auskunft, die sich über den Grafen nur wohlwollend äußerte; daß derselbe mit der Verstorbenen seit länger denn 30 Jahren ruhig und geschätzt im Lande gelebt, daß noch von keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine Beschwerde an und gegen ihn erhoben worden sei, daß er viel Vermögen habe und sich der Stadt und der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht habe, als durch Wohlthun; es seien weder Kinder noch sonst Jemand da, die Ansprüche an die Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben berechtigt seien. So viel Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um schonend und zart behandelt zu werden, und ein Einschreiten der Civilbehörde vor des Grafen Tode sei wohl nicht rathsam, zumal derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende milde Stiftung für die Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung bei seiner Eigenthümlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein werde. – Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten die gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art ließen die gewünschte Schonung versagen.
Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen an. Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern, doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte sich ungern dem eisernen Willen des Gesetzes, aber er fügte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war krank; der Kammerdiener und eine alte treue Dienerin führten die Herren in die Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten, daß dieser Nachlaß von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der Dienerschaft zugedacht sei.
Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mußte der Geschäftsführer den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlägerig war, vertreten.
Welch’ ein Inventar! – Ueber siebenzig Oberröcke und Kleider, theils von Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen Kleiderstoffen, gegen dreißig Shawls und Longshawls, ohne die übrigen Halstücher, ebenso viele Hüte nach den neuesten Formen der Mode, und in diesem Verhältniß alles Uebrige in staunenswerther Fülle. Schmuck fand sich wenig, außer was Sophie als Kind schon besessen, für wen hätte sie sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmücken sollen? Sie selbst, ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schönste Schmuck, wie er aus der Idee des Schöpfers als Meisterwerk hervorgegangen war; gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren Ringe, Armbänder und dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am Meisten überraschend aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge baaren Geldes, die in verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit Perlen oder mit Fischschuppen gestickten Börsen sich vorfand. Jene Ducaten von theurer Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth geschenkt, sie waren nicht ausgegeben worden, außerdem fanden sich Friedrichsd’or, Kronen-, Species- und einfache Thaler. Der Graf übernahm gegen Zahlung der Taxe den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das Gericht seiner Dienerschaft aushändigen; die Summe, welche er zahlte, wurde beim Gericht hinterlegt, und von einer dringlichen Aufforderung, Namen, Stand, Geburtsort und Alter der Verstorbenen ganz genau anzugeben, um so mehr Umgang genommen, als der Graf diese Auskunft zu geben sich entschieden weigerte und fest erklärte, sofort das Land verlassen zu wollen, wenn die Behörde darauf bestehen würde.
Dieselbe begnügte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben.
Nach diesen Stürmen lagerte sich wieder die tiefste Stille über das Schloß zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach sich oft mit schmerzlicher Rührung Goethe’s Worte vor, die so ganz auf ihn, auf seine Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paßten:
Du versuchst, o Sonne, vergebens
Durch die düst’ren Wolken zu scheinen,
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen.
Die Poesie war auch hier wieder die milde Trösterin, die ihm, dem Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele fächelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab.
Fast das einzige geistige Band mit der Außenwelt blieb ein Briefwechsel mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach Hildburghausen gezogen war, doch so, daß sie jeden empfangenen Brief zurückgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedürfniß, sich mitzutheilen, ist allzumächtig in der Menschenseele, als daß auch der allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im Stande wäre.
Aus Ludwig’s wehmuthvollster Zeit ergoß sich seine Klage in den Worten: »Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte Ehe; es ist mehr: es ist die Zerreißung eines zusammengewachsenen Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. – – Ich lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen meinem Körper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstände meinem Geist. Das Haus ist wie verödet.«