Ja, ja – die Ungewißheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor sich hin. Selten kommen die Menschen zeitig zu den rechten Entschlüssen. Diese Frau hat es über sich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein gerechter; sie schrieb, was sie schrieb, für einen geliebten Sohn. Für wen sollte ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichnen?
»Ich beginne dies,« schrieb sie: »im Jahre 1682, im einunddreißigsten meines Lebens, im ersten des deinigen.«
»Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der neuen Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde im Schlosse[15] von Herrn Chabrolle am 12. März getauft und Charlotte Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouverneur von Thouars, vertrat meinen Pathen, welcher der Landgraf Wilhelm VI. von Hessen, Bruder meiner Frau Mutter, Emilie von Hessen war, außerdem waren Herr von Turenne, Herr Landgraf Friedrich von Hessen (Oheim des regierenden Landgrafen), und Graf Moritz von Nassau meine männlichen Pathen; meine Pathinnen waren die Frau Herzogin von Zweibrücken, Aebtissin von Herfort, die Gräfin Charlotte von Derby[16], geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau Herzogin Eleonore Dorothea zu Sachsen-Weimar, die Frau Kurfürstin Charlotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen, und Mademoiselle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner Großmutter, der Frau Landgräfin Amalie Elisabeth, Gemahlin des regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen-Cassel.«
[15] Thouars an der Thoye hat ein schönes Bergschloß, die ehemalige Residenz der Herzoge de la Tremouille.
[16] Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton enthaupteten Jakob Stanislaus, Grafen von Derby.
Welch ein Kranz glorreicher und strahlender Namen um die Wiege eines kleinen Mädchens! rief Ludwig aus. Ist mir doch als erblickte ich meine gute Großmutter, die so bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor mir, und hörte sie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauses verkünden! Wie oft mag sie mit stillem Vergnügen über diesem interessanten Buche gesessen haben!
»Meine Frau Mutter ließ mich im Schlosse bei der Herzogin meiner Großmutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und für meine Erziehung und meine Bedürfnisse zu sorgen versprach, was sie auch mit der äußersten Zärtlichkeit fast dreizehn Jahre lang that, und mich gründlich verzog. Ich wurde ein so halsstarriges und eigensinniges Kind, daß eine minder geduldige und zärtliche Dame, als es meine Großmutter für mich war, meine Unarten gewiß nicht ertragen haben würde.«
Es geht ein eigenthümlicher Grundzug durch die Generationen, sprach Ludwig, als er dies gelesen hatte. Häufig tritt zwischen Großeltern und Enkeln mehr Aehnlichkeit der Gesichtsbildung, ja selbst des Charakters, als zwischen Eltern und Kindern hervor, auch häufig mehr Liebe der Großeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als diesen von den Eltern zu Theil wird. So wäre zuletzt die oft halsstarrige Festigkeit und Härte im Charakter meiner guten Großmutter zum Theil nur ein Erbe der ihrigen gewesen? Welch’ ein eigenthümlicher Reiz liegt in diesem alten Buche – ein so langes, vielbewegtes Leben, – es wäre ein Unrecht von mir, dieses Buch, so wie jene Tagebuchbruchstücke meiner Großmutter der Vernichtung Preis zu geben – aber wem soll ich sie anvertrauen? Meinen Vetter Wilhelm Gustav Friedrich deckt seit 1835 die Gruft, William, der Vice-Admiral, starb schon 1813. Ihre Kinder kenne ich nicht, stehe ihnen fern, bin ihnen fremd, wer weiß, ob Eines von ihnen durch diese Gabe erfreut würde! Auch für Leonardus Erben kann sie nicht den mindesten Werth haben, diese Holländer wären im Stande, Häringe in die Papiere zu wickeln, welche die Geschichten einst glühender Herzen enthalten! – Der Einzige, Vincentius Martinus, der vielleicht diese Blätter würdigte, leidet an Gesichtsschwäche, die heilige Ottilia rächt sich an ihrem Kirchlein, weil er ihr, wie ich große Ursache zu glauben habe, meine ansehnliche Schenkung entzogen und sie für sich selber behalten hat. Da würden diese altfranzösisch geschriebenen Blätter ihm nur Mühe machen, sie zu entziffern. Am Besten, ich überlasse es ganz dem Zufall, daß dieser sie in eine Hand bringe, die sie dereinst zu schätzen und zu übersetzen weiß.
Ludwig blätterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden enthielt er noch, eine reiche Stofffülle für Geschichte damaligen Hoflebens und persönlicher Verhältnisse der weitverzweigten Verwandtschaft des alten reichsgräflichen Geschlechts, endlich legte er das Buch zur Seite und sagte, sonderbar bewegt: Es ist ein Grabstein.
Auch sein Ziel war nahe, näher als er selbst glaubte; gleichwohl versäumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten war, die Briefe der Großmutter, die Briefe und die Schenkungsurkunde Georginens, seine früheren Reisepässe, ein Flammenopfer nach dem anderen; ferner Leonardus’ Testament und Schenkungen, alle Quittungen, alle Danksagungen. – Alter Adrianus van der Valck! sprach er sinnend: Du, der mich rechnen lehrte, was sagst du zu meinem Rechnungsabschluß? Subtraction! Der Tod zieht mir das Leben ab, das ist das Facit meiner Rechnung.