Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden, heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten Stellen des Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der weißen Federn vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen überkleidet, und die schwarzen Klauen waren aus Labradorstein geschnitten und äußerst natürlich eingefügt[2].
[2] Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt gewesene bewunderungswürdige, Deutschland leider entzogene Kunstwerk ist in der Londoner illustrirten Zeitung Vol. 19. Juli to Dec. 1851 S. 133 mit der Unterschrift: Jewelled Hawk, exhibed by the Duke of Devonshire abgebildet und ausführlich beschrieben.
Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen die holdeste Lieblichkeit offenbarte.
Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes Erbstück der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung in derselben nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von Kniphausen«.
Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend an sich drückte.
Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That, die ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie vergessen soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster Dankbarkeit und lebenslänglicher Freundschaft.
Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den Becher ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre himmelvollen Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im Vorsaal ein starker männlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen der Thür, und der Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen nicht trauend, wie von Eis übergossen.
Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr diese Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! – indem er zurücktreten zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade betroffen setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf den Boden gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm gehalten sein, und sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!
Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich darstellte, auf ihn machen mußte – sie faßte rasch alle ihre geistige Kraft zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du es dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter haben, daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank dargebracht nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst, muß ich deinem Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es deiner würdig ist. – Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich, und trat einige Schritte näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der Herr Vetter hört hier ein Echo der letzten guten Lehre, welche mir die Frau Großmutter gab; hätte ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von Varel bis zu Schloß Kniphausen reiche. Bin ich in der That so hoch verpflichteter Schuldner geworden, so will ich jetzt nicht mit Worten danken, sondern später durch Thaten. Niemand soll sagen, Schloß Kniphausen sei ein ungastliches Haus geworden, also bis auf Weiteres einstweilen zwischen uns – Waffenstillstand.
Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte Ottoline zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf’s Neue, hob ihn gegen den Gemahl und sprach: Ich habe den Pokal dem Retter meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche und wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus Künstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein konnte, als diese, die wir so eben feiern – denn jene Versöhnung streitender Glieder einer getrennten Familie, die wieder zu einer einzigen werden wollten, galt doch nur dem Mein und Dein des irdischen Besitzthums, während wir ungleich inniger danken sollten für ein höheres neugeschenktes Besitzthum. Darum nicht Waffenstillstand, sondern – Versöhnung!