Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien bilden sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise spalten sich, der Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und die Geschwister, »es lösen – wie Schiller sagt – sich alle Bande frommer Scheu«, und die besten und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen zu maßlosen Reden, wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe des Gemüthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn nicht für immer, vielen Tausenden verloren.

Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von solcher Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen war – wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und völlig ohne irgend eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten Gemüther immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn sie stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft dieser langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher seiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf, welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude erfüllt, jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte gleich hinter Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen dicht am Wege sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten, der seiner Form und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es war ein in dieser Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich kurzen rohen Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher König aber hier in der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage entfallen, ebenso der Grund, weshalb der ganze Hügel der Heimenberg genannt wurde und jener eine Strecke weiter davon einzeln stehende hochragende erratische Block der Heimensteen.

Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze unsers neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben, daß nach so mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun soll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als unser übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser allseitiges Hoffen in Erfüllung gehe!

Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß Doorwerth zu.


12. Briefwechsel.


Das stille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Doorwerth, welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieselben ein Schooß der Ruhe. Näher drängten die politischen Ereignisse; mit unruhiger fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen, Nachrichten und Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren sie selten erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja, sie waren ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als Besorgnisse zu zerstreuen, die immer drückender wurden.

Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern dessen außerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergönnte; es wurden zu solchen Uebungen spätere Stunden des Nachmittags gewählt und die ganze jüngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe als Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde still und zurückgezogen, stand Windt’s Frau in häuslichen Geschäften bei, schloß sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme dadurch, daß sie ihr sehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach Arnhem zur Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der Pariser Reise bereits auf kürzestem Weg von Amsterdam nach Doorwerth gesendet worden.

Windt war von Geschäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine so ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die seine dazu, nicht zu unterliegen, und obschon er beständig über körperliche Leiden zu klagen hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrängnisse häufig mittheilte. Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte er die Mithülfe der jungen Freunde für dies und das, und nie erschien der Augenblick, in welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner des Kastells Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht hätte. So war der 22. September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen Freunde feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt und dessen Frau; Angés und die kleine Sophie saßen mit Ludwig und Leonardus beim heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern Schiffskapitäns Richard Fluit gedacht und ihm und der »vergulden Rose« einige Becher geweiht. War es doch eine schöne Erinnerung an Fluit’s Geburtstag, der das innige Band der Freundschaft um die Herzen von Ludwig, Leonardus und Angés geknüpft hatte, und wohl werth, am günstigen und geeignetsten Tage sie zu erneuen. Die Verbundenen waren still glücklich; ihre Freude war keine lebhafte und laute, nur Frau Juliane Windt, des Schaumweins ungewohnt, trank sich ein heiteres Räuschchen; Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll Gedanken und Geschäfte, Verdruß und Aerger, als daß er hätte die Empfindungen theilen können, welche seine jungen Freunde beseelten. Er nahm daher, nachdem er der Freundespflicht ein Genüge geleistet, und auf Aller Wohl, sein eignes, das er, wie er bemerkte, sehr brauchen könne, nicht ausgenommen, wacker mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere Unterhaltung mit dem zu würzen, was ihn beschäftigte und zum Theil bedrängte.